Stand: 27.07.2018 08:45 Uhr

Das Kirchenlexikon - Stinkreich

von Oliver Vorwald

"Der ist stinkreich. Ich habe gehört, dieser Spruch soll aus der Kirche kommen? Wie lautet die Geschichte dazu?"

Die Lanze des Mauritius, Ludmillas Schleier, ein Fingerknochen von Nikolaus. So heißen einige Reliquien aus der Blüte des Mittelalters. Sie gelten damals als machtvolle Energiequellen. Denn in solchen Gegenständen materialisiert sich die Kraft des Heiligen, glauben die Menschen. Und wer eine solche Reliquie berührt, darf auf alles hoffen. Eine gute Ernte, Schlachtenglück, Fürsprache bei Christus. Also sucht jedermann den Segen der Heiligen. Selbst und gerade im Tod.

Keiner ist frei von Sünde

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Völlerei zählte im Mittelalter zu den Todsünden - trotzdem wurde viel geschlemmt.

Im Mittelalter fürchten sich die Menschen vor dem, was sie unmittelbar nach dem Tod erwartet. Denn der Himmel steht nur den Gerechten offen. Aber wer ist das schon, ohne Sünde? Bevor die Seelen der Verstorbenen in den Himmel kommen, müssen sie deshalb durchs Fegefeuer, das Purgatorium - so die kirchliche Lehre des Mittelalters. Dort waschen Flammen sei rein. Schmerzhaft, aber eine Wohltat im Vergleich zum ewigen Feuer, der Hölle.

Tod macht auch vorm Adel nicht halt

Gläubige wiederum können den Aufenthalt im Fegefeuer verkürzen, indem sie Fürsprache bei Christus halten. Deshalb suchen die Menschen auch im Tod ihren Beistand. Das gelingt, wenn das eigene Grab möglichst nahe einem Reliquienschrein liegt. Solche Orte bieten damals die Kirchen. Die Altäre bergen in sich oft mehrere solch heiliger Gegenstände in sich. Die Grablegen in Kapellen, Klöstern und Kathedralen sind äußerst begehrt. Der Klerus verkauft sie mit Gewinn - für Land, Geld, Rechte. Allerdings hat diese Praxis auch einen "anrüchigen Effekt". Denn der Kreislauf der Natur macht auch bei einem verstorbenen Ritter und seiner Edeldame keine Ausnahme. Sie beginnen zu riechen. Die Gottesdienstbesucher sollen darauf folgendermaßen reagiert haben. Mit einer extra Portion Weihrauch und Humor: "Hier liegt jemand, der ist stinkreich."

Die Lehre vom Fegefeuer als Läuterungsort. Auch Martin Luther erfüllt sie seinerzeit mit Angst, als er ins Kloster eintritt. Aber er löst sich davon. Denn durch das Studium der Bibel gewinnt er die Einsicht, nicht die Reliquien sind der Schlüssel zum Himmel, es ist der Glaube. Allein der macht gerecht.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 28.07.2018 | 09:15 Uhr

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