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Das Kirchenlexikon - S wie Sterben selbst bestimmen

von Andreas Brauns

"Manche Menschen wollen selbst bestimmen, wann sie sterben. Was haben die Kirchen eigentlich dagegen? Warum darf ein Mensch nicht frei entscheiden, wann sein Leben ein Ende hat?"

Weil das Leben - christlich gesprochen - ein Geschenk ist. Gott hat dem Menschen das Leben geschenkt und nur Gott kann es nehmen. Das ist, wenn sie so wollen, das Grundverständnis der Kirchen, das nicht unbedingt mehrheitsfähig ist. Hinzu kommt: Viele Menschen hadern mit Gott, denn oft endet ein Leben viel zu früh. Auf der anderen Seite leiden Menschen über Jahre. Sie möchten sterben, doch sie schaffen es nicht. Sie müssen aushalten bis zum Schluss. Dieses Leiden wird nicht mehr akzeptiert. Menschen wollen selbst über ihren Tod bestimmen, sie wollen einen menschenwürdigen Tod.

Gesellschaft ohne Sterbekultur

Der Tod erscheint angesichts möglicher Schmerzen als das kleinere Übel. Das, was ein Leben lang verdrängt wurde, wird plötzlich zum Ausweg. Das wird von vielen in den Kirchen als Ausdruck großer Verzweiflung gedeutet, als Scheitern. Doch letztlich kann niemand einem Menschen verwehren, diese Entscheidung für sich zu treffen. Weil Sterben und Tod beharrlich verdrängt werden, fehlt unserer Gesellschaft so etwas wie eine Sterbekultur. In der Kranke und Sterbende in ihrer letzten Lebensphase selbstverständlich von Angehörigen oder Freunden begleitet werden, die sich damit auch auf den eigenen Tod vorbereiten.

Angst vor Kontrollverlust

Der geistliche Lehrer Peter Dyckhoff schreibt in seinem Buch "Sterben im Vertrauen auf Gott": "Wir müssen uns darin üben, mit dem Tod als Realität zu leben. Das bedeutet, immer wieder … mit einem Stück Unverfügbarkeit konfrontiert zu werden. Dies relativiert unser menschliches Dasein und bewahrt uns davor, uns absolut zu setzen. Der Umgang mit dem Tod als Gegebenheit wird zu einer existenziellen Demutsübung."

Wo allerdings Vertrauen fehlt, fällt es schwer, sich auf etwas einzulassen, das ich nicht selbst in der Hand habe. Die Angst ist groß - auch bei Christen. Doch Menschen, die ich im Sterben begleite, könnten mich lehren, zaghaft Vertrauen zu entwickeln. Und das Sterben anzunehmen als unverfügbaren Teil meines Lebens. Aber es mag im Leben Situationen geben, in denen Menschen an Grenzen kommen und sie sich nur noch den Tod wünschen.
(Peter Dyckhoff: Sterben im Vertrauen auf Gott, Media Maria, 12,95 Euro)

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.