Stand: 02.03.2017 12:10 Uhr  | Archiv

Fasten war nicht immer in Mode

von Oliver Vorwald

"Jetzt fasten sie wieder. Viele meiner Freunde machen mit bei der Aktion „Sieben Woche Ohne“. Bis Ostern das Schnitzel gestrichen, das Glas Wein am Abend. Muss das sein?"

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Der Genuss von Fleisch und Wurst war in früheren Fastenzeiten tabu.

Weder Thesen, noch Hammerschläge - geräucherte Würste. In der Schweiz beginnt die Reformation kulinarisch. So geschieht es am 9. März 1522 in Zürich. Als das Abendläuten an dem Fastensonntag über die Stadt streicht, sitzen zwölf Männer in der Brunngasse 18 zu Tisch. Unter ihnen Huldrych Zwingli, Priester am Züricher Großmünster. Es gibt Verbotenes aus dem Rauchfang, Mettenden. Scheibchenweise schreibt die Herrenrunde Geschichte. Denn der Genuss von Fleisch ist damals in den sieben Wochen vor Ostern streng verboten. Die Obrigkeit ruft "Frevel".

Wurst als Symbol evangelischer Freiheit

Revolution. Dazu führt das Züricher Würsteessen 1522 bei den Eidgenossen. Huldrych Zwingli isst zwar nicht einen Zipfel. Aber er heißt den Genuss seiner Freunde gut. Öffentlich. In der Hauptkirche seiner Stadt, dem Großmünster, nimmt er Stellung zur "Fleischeslust" in der Fastenzeit. In den Evangelien finden sich keine strengen Gebote, an bestimmten Zeiten zu fasten, predigt er. "Also lasst den Christenmenschen ihre Freiheit (Welt)." Das hat Folgen. Auch in anderen Städten zelebrieren Gläubige ein Fastenbrechen. Zwingli wird zum Reformator der Schweiz. Wie Luther gibt er eine deutsche Bibel heraus. Und die Wurst wird zwischen Basel und Bern zu einer Art kulinarischem Symbol der evangelischen Freiheit.

Freiheit, etwas zu tun oder zu lassen. Darum geht es auch Martin Luther. Da er und sein Schweizer Mitstreiter an diesem Punkt einer Meinung sind, gerät das Fasten in den evangelischen Kirchen aus der Mode. Die Strenge wird vergessen, aber auch die bereichernden Seiten dieser Tradition. Die entdecken Lutheraner und Reformierte erst Mitte der 1980er-Jahre ganz neu.

Fastenidee entsteht in Hamburg

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2017 heißt das Motto der Fastenaktion der evangelischen Kirche "Sieben Wochen ohne sofort".

Ein Feierabend im Jahr 1983, in einer Hamburger Eckkneipe treffen sich ein paar Männer zum Stammtisch, Theologen und Journalisten. Bei Steaks, Bier und Zigaretten entsteht die Idee zu "Sieben Wochen Ohne". Eine Herrenrunde proklamiert den Verzicht bis Ostern. Die Teilnehmer erleben, weniger ist mehr. Für Körper und Seele. Inzwischen nehmen jedes Jahr rund zwei Millionen Menschen an der Fastenaktion teil. Aus freien Stücken. Denn darauf kommt es an.

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Fastenzeit: Verzichten und verändern

Üppiges Essen, Alkohol, Süßigkeiten: Mit Beginn der Fastenzeit am Aschermittwoch verzichten wieder viele Menschen auf alte Gewohnheiten. Was steckt hinter der Tradition? mehr

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 04.03.2017 | 09:15 Uhr

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