Stand: 02.11.2016 14:20 Uhr  | Archiv

Das Kirchenlexikon - Protestantische Kirche

von Oliver Vorwald

"Warum heißt es eigentlich 'protestantische Kirche'? Versteht sich die Evangelische Kirche etwa als Protestbewegung?"

Fahnen, Flötenspiel und Fanfaren in Speyer. Für den Frühling des Jahres 1529 lädt der Kaiser zum Reichstag. Hoch zu Ross reisen sie an. Die deutschen Fürsten, die Bürgermeister der freien Städte. Mit dabei Berater und Prediger. Ein zentraler Punkt der Versammlung wird die "Sache Martin Luther". Wieder einmal. Und die steckt immer noch voller Sprengkraft. So kommt es, wie es kommen muss. Der Reichstag endet lautstark. Die evangelischen Stände verweigern dem Schlussprotokoll ihre Zustimmung, sie protestieren.

Protestationsschrift gegen Wormser Edikt

Was war geschehen? Alles beginnt mit einem Brief des Kaisers. Der kann nicht persönlich erscheinen, also vertritt ihn sein Bruder - Ferdinand von Österreich. Und der verkündet zum Auftakt des Reichstags in Speyer, das Wormser Edikt solle nun wieder überall in Deutschland gelten. Heißt: Niemand dürfe Martin Luther Schutz gewähren. Das erhitzt die Gemüter. Denn drei Jahre zuvor hatte der Kaiser, Bann und Acht gelockert. Jede Stadt, jeder Herrscher durfte über die Glaubensfrage selbst entscheiden.

Diese Freiheit wollen die evangelischen Fürsten und Städte erhalten. Sie verfassen eine Erklärung: "So protestieren wir vor Gott, unserem alleinigen Erlöser. Es sollen alle wissen, was an bedeutenden Beschwerden durch die Unsern vorgetragen wurde." Diese "Protestationsschrift" geht in Druck, wird überall verbreitet. Sie markiert einen Meilenstein auf dem Weg zur Religionsfreiheit in Deutschland und bringt der evangelischen Sache einen weiteren Beinamen. Ihre Anhänger werden nun auch "Protestanten" genannt.

Protest ist nicht immer ein Mittel

Heute wird Protestantismus als Sammelbegriff für die Kirchen der Reformation verwendet. Dagegensein bildet aber keinesfalls ihren Markenkern. Im Mittelpunkt steht das Evangelium. Das allerdings kann durchaus Widerstand hervorrufen. Zuletzt ist das 1934 geschehen, als die Nazis Führer und Vaterland gottgleich verklären. Damals formulieren Teile der Evangelischen Kirche einen Protest, die Barmer Erklärung. Darin heißt es: "Wir verwerfen die falsche Lehre, als müsse die Kirche neben [Jesus Christus] noch andere Mächte als Gottes Offenbarung anerkennen."

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.