Stand: 16.10.2018 12:15 Uhr

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von Michel Zschörnig

"Warum leben Pastorinnen und Pastoren eigentlich in einem besonderen Haus - dem Pfarrhaus? Was steckt dahinter?"

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Ein Pfarrhaus galt früher auch als Ort der Bildung.

Angela Merkel, Hermann Hesse und Friedrich Nietzsche haben eine Gemeinsamkeit: Sie sind in einem Pfarrhaus aufgewachsen, haben das frühe Läuten der Kirchenglocken am Sonntagmorgen erlebt. Die Blicke der Leute, die genau beobachten, was im Pfarrhaus so passiert, das Pochen spätabends an der Tür, wenn etwas passiert ist. Auch Jean Paul ist im Pfarrhaus groß geworden. Im 18. Jahrhundert. Der Schriftsteller schwärmt: "Niemand … wundere sich über ein Idyllenreich und Schäferweltchen in einem kleinen Dörfchen und Pfarrhaus. Die Lebenslust der Freude kann man aus einem Fenster einatmen."

Pfarrhaus als Ort der Frömmigkeit und Kultur

Pfarrhäuser gibt es schon sehr lange. Fast so lange wie es Kirchen gibt. Aus praktischen Erwägungen. Schließlich soll der Pfarrer nah an seinem Arbeitsort leben und immer für die Hilfesuchenden jeder Zeit ansprechbar sein. Eine besondere Bedeutung bekommen Pfarrhäuser durch die Reformation. Ein Priester durfte nicht heiraten. Die Reformatoren lehnen dieses Verbot ab. Sie heiraten und ziehen mit ihren Frauen in die Pfarrhäuser ein und leben jetzt wie jede normale Familie zusammen.

Auch Martin Luther und Katharina von Bora machen das so. Ihre Tür steht jedem offen. Viele Gäste kommen zu Besuch. Am Küchentisch wird über Gott und die Welt diskutiert. Das ist ein Vorbild für die Pfarrfamilien. Im 18. Jahrhundert, zur Zeit der Aufklärung, wird dieses Zusammenleben als Ideal stilisiert. Das Pfarrhaus gilt als ein Ort der Frömmigkeit, der Bildung und der Kultur mit christlichen Werten, von der Gemeinde ganz genau beobachtet und kommentiert, wie ein altes Sprichwort andeutet: "Pfarrers Kinder, Müllers Vieh gedeihen selten oder nie."

Pastoren sind immer ansprechbar

Heute leben nicht mehr alle Pastorinnen und Pfarrer mit ihrer Familie im Pfarrhaus oder in einer Dienstwohnung. In einigen Regionen dürfen sie sich selbst etwas mieten, aber in vielen Landeskirchen besteht weiterhin die sogenannte Dienstwohnungspflicht. Diese Regelung hat viele Vorteile. Sie erleichtert nämlich die Arbeit, schafft kurze Dienstwege. Pastorinnen und Pfarrer sind so schnell zu erreichen. Gerade für die Seelsorge und das Gemeindeleben ist das besonders wichtig.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 13.10.2018 | 09:15 Uhr

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