Sendedatum: 12.07.2014 09:15 Uhr

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von Jan von Lingen

"Was mich wundert: Paulus hat ja Jesus nicht gekannt und war auch kein Jünger. Trotzdem spielt Paulus im Christentum eine so wichtige Rolle und wird Apostel genannt: Warum ist das so?"

Sie haben recht. Paulus war nicht dabei, als Jesus mit seinen Jüngern übers Land zog. Er fehlte, als Jesus Kranke heilte und Gleichnisse erzählte. Paulus stand weder trauernd unter dem Kreuz noch staunend am Ostermorgen am leeren Grab. Paulus hat die ganze Geschichte von Jesus Christus schlicht verpasst.

Vom Saulus zum Paulus

Durch eine Jesus-Erscheinung wird Saulus zum Paulus.

Auch die ersten Nachrichten über ihn sind erschütternd. Wenige Jahre nach der Kreuzigung taucht er erstmals in biblischen Geschichten auf. Da nennt er sich noch "Saulus" und trägt stolz den Namen des ersten jüdischen Königs. Er war ein jüdischer "Hardliner" und verfolgte die ersten Christen bis aufs Blut. Aber dann trifft ihn eine Vision wie ein Schlag, so erzählt es die Apostelgeschichte. Auf dem Weg nach Damaskus sieht er ein Licht, stürzt vom Pferd und hört eine Stimme: "Saulus, Saulus, warum verfolgst Du mich?" Saulus antwortete: "Wer bist du, Herr?" - und hörte die Antwort: "Ich bin Jesus, den du verfolgst." Auf vielen Kunstwerken ist diese Szene hochdramatisch dargestellt.

Vordenker, Völkermissionar und Reisender

Damit verändert sich alles: Er wird Christ. Er legt seinen alten Königsnamen "Saulus" ab und nennt sich seitdem "Paulus", das heißt übersetzt: der Kleine. Als klein und schwach versteht er sich tatsächlich, denn er ist der Letzte unter den Aposteln und - so wörtlich - eine "Mißgeburt", da er zuvor die Christen verfolgt hatte. Und doch wird er von der katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen als Heiliger verehrt. Auch Martin Luther schätzte Paulus sehr - mit dessen Notizen begründete er die Reformation. Viele seiner Briefe sind bis heute erhalten. 13 Briefe sind im Neuen Testament gesammelt, die seinen Namen tragen, mindestens sieben von ihnen gelten als echte Paulusbriefe, andere wurden vielleicht von seinen Schülern verfasst.

Paulus ist also der große Vordenker und Theologe, aber auch der Völkermissionar und Reisende. Er öffnete das Christentum für Menschen aller Religionen, nicht nur für Juden. Drei mehrjährige Missionsreisen führten ihn durch den Mittelmeerraum, an vielen Orten gründete er Gemeinden, mit denen er durch seine Briefe Kontakt hielt. Zuletzt reiste er nach Rom, wo er vermutlich durch das Schwert hingerichtet wurde. Mit seinem Leben und seinem Sterben trug er das Christentum in die Weite des römischen Reiches.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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