Stand: 08.11.2018 15:45 Uhr

K

von Oliver Vorwald

"Vor 100 Jahren ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Was war da in den Kirchen los, sie haben doch immer wieder für den Sieg auf dem Schlachtfeld gebetet?"

Bild vergrößern
Pastor Hermann Driever im Kreis seiner Familie.

Das Familienfoto von 1915 im Bagbander Pfarrgarten, Ostfriesland. Noch einmal alle beieinander. Im Zentrum Pastor Hermann Driever mit Gehrock und Stehkragen. Um ihn herum Frau und Kinder. Rechts und links im Bild stehen zwei Söhne in feldgrauer Uniform. Einer der beiden hat die Offiziersmütze schneidig ins Gesicht gezogen. Hermann Driever hingegen blickt sanft und sorgenvoll in die Kamera. Er weiß, was der Krieg fordert. Immer wieder muss er Einträge wie diese ins Kirchenbuch notieren:

"Hinrich Lengen. Als Musketier beim Infanterie-Regiment 'Herzog Wilhelm von Braunschweig' Nr. 78 eingezogen starb er den Heldentod bei Saint Quentin am 28. August 1914. Jann Bruns. Infanterie Regiment 79, fand am 15. März 1915 den Heldentod im Argonnerwald."

Pfarrer unterstützten die Obrigkeit

Der Dorfpastor macht das, was vermutlich alle Pfarrer in diesen Jahren tun. Sie befolgen Order. Schließlich ist "alle Obrigkeit von Gott", sagt die Bibel (Röm 13,1-4). Wohl deshalb notiert Hermann Driever auch keinerlei Zweifel am Sinn des Krieges in das Bagbander Kirchenbuch. Es ist ja Wilhelm II., Kaiser von Gottes Gnaden, der im August 1914 "zu den Waffen ruft". Außerdem unterstützten die Kirchen diesen Kampf "gegen eine Welt von Feinden". Sie schicken Geistliche ins Feld, ordnen Dankgebete an wie im Frühjahr 1915.

"Es ist der Wunsch seiner Majestät des Kaisers und Königs, dass der Befreiung Ostpreußens vom Feinde mit Dank gegen Gott gedacht werde. Wir weisen unsere Geistlichen an, im allgemeinen Kirchengebet dem Dank gegen Gott für diesen neuen Erweis seiner Treue Ausdruck zu geben." (Königliches Landeskonsistoriums Hannover, 18.02.1915)

 

Weitere Informationen

Der Erste Weltkrieg

Von 1914 bis 1918 sterben im Ersten Weltkrieg etwa 17 Millionen Menschen, darunter Millionen Zivilisten. Eine Revolution, die in Norddeutschland beginnt, beendet die Tragödie. mehr

Die Worte Jesu bestimmen das Handeln

Doch als der Erste Weltkrieg in sein drittes Jahr geht, ändern sich die Einträge im Bagbander Kirchenbuch. Vom "Heldentod" schreibt Pastor Hermann Driever nicht mehr. Kein Wunder, denn die Schlachten in Frankreich und Russland fordern immer mehr Opfer. Und dann trifft es ihn, Vaters Stolz. Im Frühjahr 1918 muss Hermann Driever den Nachruf auf einen der Söhne formulieren. Ob sein Herz zittert? Die Handschrift verrät es nicht. Sauber listet sie die Fakten auf:

"Werner Driever, Leutnant und Kompanieführer, 20 Jahre alt. Im November 1915 als Fahnenjunker beim Infanterie-Regiment 'Bremen' (Nr. 75) eingezogen, fiel er am 22. März 1918 in der großen Frühjahrs-Offensive an der Spitze seiner Kompagnie bei Lagnicourt."

"Selig sind die Frieden stiften. Sie werden Gottes Kinder heißen (Mt 5,9)." Heute sind es diese Worte Jesu, die das Denken und Handeln in den evangelischen Kirchen bestimmen. Vorbei die Zeiten von Befehl und Gehorsam. Stattdessen: "Liebet eure Feinde (Mt 5,44)." Pastor Hermann Driever erlebt das nicht mehr. Er stirbt 1932, wird auf dem Friedhof im ostfriesischen Bagband begraben.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 10.11.2018 | 09:15 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kirche/Das-Kirchenlexikon-Kriegsende,ersterweltkrieg170.html