Stand: 17.05.2019 13:06 Uhr

Das Kirchenlexikon - Häresie

von Andreas Brauns

"Jemand hat mir erzählt, dass Kirchenleute Papst Franziskus vor einiger Zeit öffentlich als Häretiker bezeichnet haben, also als einen Irrlehrer. Stimmt das?"

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Ein schwerer Vorwurf gegen Papst Franziskus. Doch der lässt sich nicht auf Diskussionen ein.

Ja, es gab diesen Vorwurf gegenüber Papst Franziskus. Er hatte sich im Februar in Abu Dhabi mit dem Großimam der Al-Azhar-Universität aus Kairo getroffen und dabei mit ihm ein "Dokument über die menschliche Brüderlichkeit" unterzeichnet. Einige Passagen dieses Dokumentes stoßen auf Kritik. Dabei geht es allerdings nicht darum, dass bei dem Titel "menschliche Brüderlichkeit" die Schwestern mal wieder unterschlagen wurden. Nein, es geht um Aussagen des Dokumentes, die den Eindruck erwecken, alle Religionen seien gottgewollt. Das würde bedeuten: Der religiöse Pluralismus ist etwas Positives, weil von Gott so gewollt. Ein Gedanke, den nicht nur konservative Katholiken strikt ablehnen. Darum ihr Vorwurf der Häresie, der Irrlehre. Ein Begriff mit einer furchtbaren Geschichte. Es ist auch im 21. Jahrhundert für viele Glaubende undenkbar, dass Religionen gleichwertig sind.

Gefährdet der Papst das Christentum?

Jetzt wird darüber gestritten, ob der Papst ein Dokument unterzeichnet hat, in dem das Christentum dem Islam gleichgestellt wird. Das würde der katholischen Lehre widersprechen. Darum die Unruhe und der Vorwurf: Der Papst habe die Häresie der Häresien unterschrieben. Denn wie kann Gott Religionen wollen, die die Gottheit Christi leugnen, seine Auferstehung ablehnen? Ist Gott etwa ein Relativist?

Papst Franziskus hat sich auf diese Diskussion so nicht eingelassen, er hat lediglich davon gesprochen, dass Gott, der die Menschen als freie Wesen erschaffen hat, die verschiedenen Religionen zulässt. Doch mit dieser Interpretation und dem Hinweis auf die Freiheit des Menschen sind die Kritiker nicht zufrieden. Sie sehen das Christentum gefährdet. Gefährdet von höchster Stelle in Rom, wo sich die Einsicht durchsetzt: Alle, die in ihrem Herzen an Gott und Menschlichkeit glauben, sollen sich für Toleranz einsetzen. Denn die Vielfalt der Religionen ist ein Reichtum der Schöpfung.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 18.05.2019 | 09:15 Uhr

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