Eine Glocke steht vor einer leeren Kirchenbank. © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka

Loblieder passen nicht in die Zeit der Pandemie

Sendedatum: 23.01.2021 09:15 Uhr

Nicht jeder kann in der Pandemie Gott loben? Vielen bleiben Loblieder im Hals stecken. Doch keiner muss deswegen ein schlechtes Gewissen haben.

von Andreas Brauns

Im Lockdown Gott loben? Nein, es dürfte jetzt kaum die Zeit sein, um in einer fast leeren Kirche von wenigen Stimmen Loblieder zu hören. Loblieder, in die alle, die nicht mitsingen dürfen, innerlich auch noch einstimmen sollen. Das passt einfach nicht zusammen. Sicher, ein Lied kann trösten, doch es kann auch eine Flucht sein vor der Wirklichkeit, die auch im Kirchenraum sichtbar und hörbar ist. 

Aber gibt es eine Brücke zwischen den trostlosen Tagen mit all den Beschränkungen und Liedern, die Gott loben und preisen? Oder ist da nicht ein tiefer und breiter Abgrund? Eben eine Situation, die nur schwer auszuhalten ist, die traurig macht und sprachlos. Wer in sich hineinhört, kann nur klagen vor Gott, mit ihm ringen, ihn aber nicht loben. 

Warum nicht von Klage und Verzweiflung singen?

Mich erinnert das an das Buch der Psalmen im ersten Testament. Da heißt es in Psalm 137: "An den Strömen von Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. Doch unsere Peiniger forderten Jubellieder von uns." Die verschleppten Israeliten konnten keine Jubellieder singen. Nun hat das Virus in den vergangenen Monaten zwar niemanden verschleppt, aber es hat Gesellschaften aus ihrem bisherigen Leben herausgerissen. Wer könnte da seinem Gott Loblieder singen?

Wäre es nicht ehrlicher, von Klage und Verzweiflung zu singen? Eben nichts zu beschönigen, sondern traurig zu klagen und so zu hoffen? Eben mit dem vor Gott zu kommen, was die Herzen bewegt… Das wäre übrigens nicht neu, es hat durchaus Tradition im Christentum verzweifelten und sprachlosen Menschen Worte anzubieten: Nicht nur Psalmen und Choräle belegen das. Diese Worte konnten sich Menschen ausleihen, sie können es bis heute, um in all ihrer Not weiterhin zu hoffen und so die nächsten Schritte zu tun.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 23.01.2021 | 09:15 Uhr

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