Gipfelkreuz auf dem Predigtstuhl bei Bad Reichenhall © Colourbox

Gipfelkreuze markieren Grenzen und erinnern an Gefallene

Stand: 10.08.2021 10:35 Uhr

Gipfelkreuze sind keine religiösen Orte, sondern Almgrenzen oder Erinnerungen an Gefallene im Ersten Weltkrieg. Die meisten Menschen verstehen sie einfach als Hinweise für den höchsten Punkt eines Berges.

von Pastor Oliver Vorwald

Der Großglockner, höchster Berg der österreichischen Alpen, fast 4.000 Meter hoch, die Einheimischen nennen ihn den "König". Im Juli 1800 erhält dieser majestätische Berg seine "Krone". Damals stellt Fürstbischof Salm eine Großexpedition für die Erstbesteigung zusammen. Botaniker, Landvermesser, Geologen und einige Geistliche. Insgesamt 62 Teilnehmer. Hinzu kommen 16 Lastpferde. Sie bringen Stahlelemente für ein fast vier Meter hohes Kreuz hinauf in eisige Höhen. Am 28. Juli 1800 wird es vollbracht: Vier Bergsteiger erreichen mit ihrem Pfarrer den bis dahin kahlen Gipfel. Am Tag darauf wird das Kreuz errichtet. Ein Teilnehmer der Expedition notiert: "Fürst Salm hat nun den Kopf des Königs mit dem Kreuze des sterbenden Erlösers skizziert, was ihm gebührt.“

Gipfelkreuz gelten auch als als Sinnbild des Erlösers

Solche Geschichten ereignen sich im 19. Jahrhundert auf vielen Bergen in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Südtirol. Damals erlebt der Alpinismus seine erste große Blüte. Die Tradition der Gipfelkreuze beginnt allerdings schon früher, im Mittelalter. Es sind einfache Konstruktionen aus Holz. Sie markieren die Grenzen zwischen den Almen und Bauernschaften. Außerdem sollen sie - als Sinnbild des Erlösers - Unheil abwehren, die Bergbewohner schützen. Vor Blitz, Sturm, Lawinen. Diese religiöse Ehrfurcht spielt natürlich auch im Alpinismus des 19. Jahrhunderts eine Rolle, hinzu kommt wissenschaftliche Neugier. Viele Gipfelkreuze werden mit Messinstrumenten ausgestattet, um Wetterdaten zu sammeln. Eine weitere große Zeit haben die Gipfelkreuze nach dem Ersten Weltkrieg. Seilschaften errichten sie zum Gedenken an die gefallenen Kameraden, gegen den Irrsinn von Granaten und Kanonen. Heute dürfte es etwa drei- bis viertausend Gipfelkreuze im Alpenraum geben …

Berge als "Wohnung" der Götter

"Es gibt viele Wege zu Gott, einer führt über die Berge." Diese Worte finden sich auf Postkarten und Kalenderblättern. Sie spiegeln das spirituelle Gefühl, das viele Menschen seit Jahrtausenden im Anblick der schroffen Gipfel erleben. Wohl deshalb haben antike Kulturen die Berge als Wohnung der Götter gesehen. Auch in der Bibel spielen sie eine besondere Rolle: Jesus zeigt sich den Jüngerinnen und Jüngern in seiner göttlichen Natur auf dem Tabor (Mk 9,2-13; Mt 17,1-13; Lk 9,28-36), Mose empfängt auf dem Gipfel des Sinai die Zehn Gebote aus Gottes Hand.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 14.08.2021 | 09:15 Uhr

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