Stand: 05.07.2018 12:55 Uhr

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von Oliver Vorwald

"Der heilige Rasen, das Wunder in der Verlängerung oder der berühmte Fußballgott. Mir geht das zu weit. Für manche Fans sind Verein und Tabellenrang so etwas wie eine Ersatzreligion. Woher kommt das? "

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Ungarns Keeper Gyula Grosics musste im Finale 1954 drei Treffer hinnehmen.

Finale in Bern. Der Jubel von 60.000 Zuschauern schwirrt durch das Wankdorfstadion. Deutschland führt Drei zu Zwei gegen die favorisierten Ungarn. Doch die "Puszta-Söhne", so Radioreporter Herbert Zimmermann, laufen Sturm. Aber Torwart Toni Turek hält und das Wunder der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 entsteht. Geradezu legendär der himmelhochjauchzende Kommentar zu den Glanzparaden: "Schuss, Abwehr von Turek. Turek, du bist ein Fußballgott."

Da ist er, der Fußballgott. Und der kommt selten allein. Religiöse Redewendungen gehören zum Standard-Repertoire der Sportreporter. Herausragende Kicker werden schon mal als Messias gefeiert. Triumphiert der Außenseiter über die Weltklassemannschaft, dann klingt der ungleiche Kampf zwischen David und Goliath an. Und dreht sich vollkommen unerwartet ein Spiel - wie seinerzeit in Bern, dann ist vom Wunder die Rede.

Geborgensein vereint Glaube und Fußball

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Der DFB-Pokal erinnert an einen Kelch.

Abwegig ist das jedenfalls nicht. Fußball und Glaube haben tatsächlich einiges gemeinsam. Da wäre die beeindruckende Architektur der Aufführungsorte, die Ehrfurcht von Fans und Gemeinde gegenüber bestimmten Insignien wie Kelch und Pokal. Die größte Gemeinsamkeit zwischen Glaube und Fußball liegt im Erlebnis von Geborgensein. In der Kirche und im Stadion spürt der einzelne, ich bin bei Sieg und Niederlage nicht allein. Hier gibt es eine Gemeinschaft. Sie trägt und begleitet mich. Für einige Fans geht dieses Zugehörigkeitsgefühl soweit, dass sie sich sogar auf dem Friedhof ihres Vereins beerdigen lassen wollen. Wenn irgendmöglich natürlich in der Nähe einer Legende wie Toni Turek.

Spieler vollbringen Fußball-Wunder

Einen eigenen Fußballgott gibt es allerdings nicht. Mag er noch sooft beschworen werden. Der Schöpfer des Himmels und der Erde, Vater von Jesus Christus, ist auch Herr über den sogenannten heiligen Rasen. Er ist für Sieger und Verliere dar. Auf dem Platz, jenseits davon und nach diesem Leben. Das Wunder von Bern hat also nichts mit dem lieben Gott zu tun. Das liegt allein an den Spielern wie Toni Turek.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.