Eine Glocke steht vor einer leeren Kirchenbank. © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka

Emigration: Rückzug aus der geistlichen Heimat

Sendedatum: 17.04.2021 09:15 Uhr

Termine für Kirchenaustritte sind derzeit nicht nur bei Katholiken in Köln gefragt. Doch nicht jeder Enttäuschte tritt gleich aus der Kirche aus. Viele wenden sich ab, emigrieren innerlich.

von Andreas Brauns

Die vielen Kirchenaustritte machen so manchen Bischof vermutlich nervös. Andere leiden darunter. Etwa der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing aus Limburg. Er leidet an seiner Kirche, "wenn sie durch Skandale gläubige Menschen ins Wanken bringt oder durch erstarrte Strukturen und mangelnde Veränderungsbereitschaft vielen den Zugang zum Glauben blockiert."

Kein Verständnis für Lehrsätze und sexuellen Missbrauch

Inzwischen wenden sich zunehmend auch Menschen mitten aus den Gemeinden ab. Es sind nicht jene, die ohnehin nur eine schwache Bindung an die Kirche hatten, es sind die Frauen und Männer, die viele, viele Jahre tragende Säulen der Kirchen vor Ort waren. Sie verstehen ihre Kirche immer weniger. Und das macht ihnen zu schaffen. Sie wollen glauben an einen menschenfreundlichen Gott und sehen sich konfrontiert mit einer Institution, die immer sich immer wieder alles andere als menschenfreundlich zeigt. Und das betrifft nicht nur den Umgang mit dem Thema sexueller Missbrauch. Nein, da sind auch Lehrsätze, die nicht mehr verstanden werden. Sicher, Lehrsätze können nicht einfach so über Bord geworfen werden. Doch es gerät leider oft aus dem Blick, in welcher Zeit und unter welchen Umständen so mancher dieser Sätze geschrieben wurde. 

Frauen und Männer ziehen sich aus der geistlichen Heimat zurück

Frauen und Männer haben so oft vergeblich gehofft, ihre Kirche würde sich bewegen und Realitäten nicht nur verurteilen, sondern Menschen begleiten. Doch es ist zu wenig passiert. Darum emigrieren Frauen und Männer, sie ziehen sich aus ihrer geistlichen Heimat zurück und suchen nach einem anderen Weg zu Gott. Viele leiden darunter, doch sie wissen keinen anderen Ausweg mehr, weil sie sich noch im Spiegel ansehen wollen. Um ihren Glauben zu retten, wenden sie sich ab von der Institution. Viele räumen das aus dem Weg, was sich oft selbst in den Mittelpunkt gestellt hat und mit einem langen Schatten dem Leben so manche Farbe genommen hat.

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Ein Kirchenfenster reflektiert auf einem Holzboden. © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 17.04.2021 | 09:15 Uhr

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