Stand: 16.07.2020 13:58 Uhr

Einsiedler weihen ihr Leben Gott

von Andreas Brauns

"Vor Kurzem habe ich von einer Frau gelesen, die vor vielen Jahren ausgestiegen ist aus dem normalen Leben und seitdem als Einsiedlerin lebt. Machen das mehr Menschen?"

Allein in Deutschland gibt es um die 80 Frauen und Männer, die ganz für sich allein leben - als Einsiedlerin oder Einsiedler. Diese Lebensweise gehört zu den ältesten Formen des gottgeweihten Lebens und war in Europa zugleich die früheste Art des Lebens als Mönch. Nicht alle Einsiedler oder Eremiten haben ganz für sich allein gelebt. Manche hatten auch eine Gemeinschaft, in der sie größtenteils zurückgezogen in ihrer eigenen Behausung gelebt haben, etwa in einer Höhle, um dort in Stille zu beten und Gott zu suchen.

VIDEO: So lebt eine Eremitin (3 Min)

Eremitentum als Form geweihten Lebens

Heute ist das Einsiedler- oder Eremitentum in der katholischen Tradition eine Form des geweihten Lebens. Das heißt, die Kirche erkennt an: Menschen steigen aus aus dem normalen Alltag, sie leben in Einsamkeit und Stille und weihen ihr Leben Gott. Das bedeutet nicht zwingend aus der Welt zu fliehen, denn Einsiedler leben auch unter Menschen, etwa in einer Stadt. Doch die meisten Frauen und Männer ziehen sich tatsächlich zurück in die Stille der Natur.

Maria Anna Leenen lebt radikalen Gegenentwurf

Eine Frau macht Notizen auf einem Block. © NDR Foto: Josephine Lüttke
Maria Anna Leenen lebt als Diözesaneremitin im Bistum Osnabrück.

Es gibt Einsiedler, die einer Ordensgemeinschaft angehören, aber auch Frauen und Männer, die sich öffentlich gegenüber einem Bischof verpflichten, in seinem Bistum ein Leben in Armut, Keuschheit und Gehorsam gegenüber der Kirche zu führen. Maria Anna Leenen hat das vor vielen Jahren dem Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode versprochen. Ihr Leben als Einsiedlerin ist ein radikaler Gegenentwurf zu dem, was angesehen ist in der Gesellschaft.

Eremiten kennen auch Zweifel an Gott

Einsiedlerinnen und Einsiedler fliehen nicht vor den Menschen, sie ziehen sich zurück in ein altes Haus irgendwo auf dem Land, um ganz leise zu werden - achtsam für Gott. Schweigend hören sie auf ihn, versinken im Gebet in der göttlichen Ruhe. Doch sie sind keine Heiligen, sie kennen auch den Zweifel an Gott, an ihrem Weg, an dem, was Menschen widerfährt. Ihren Lebensunterhalt verdienen Einsiedlerinnen und Einsiedler oft mit ihren Händen. Viele haben einen Computer und sind per E-Mail zu erreichen. Und wenn jemand vor ihrer Tür steht und fragt: "Hast du mal Zeit", dann lassen sie alles stehen und liegen, weil sie einen Menschen sehen.

Weitere Informationen
Die Hände der Erimitin Maria Anna Leenen zum Gebet zusammengelegt.
5 Min

Ein Leben in räumlicher Distanz: Die Eremitin

Maria Anna Leenen (64) führt seit 25 Jahren ein Leben als Eremitin in selbst gewählter Einsamkeit. Ihre Erfahrungen sind derzeit sehr gefragt. 5 Min

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 18.07.2020 | 09:15 Uhr

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