Ein Mann sitzt in einer Kirchenbank und betet. © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka

Die Beichte kann Schweres leichter werden lassen

Stand: 11.11.2021 09:40 Uhr

In der evangelischen Kirche ist Beichte keine Pflicht. Wer möchte, kann aber eine Einzel- oder Privatbeichte in Anspruch nehmen. Auch Martin Luther schätzte die Beichte als kritische Reflexion seines Tuns.

von Pastor Oliver Vorwald

Der Beichtstuhl. Ein schrankartiges Möbel mit zwei Kabinen, die nur durch ein kleines Fenster aus Flechtgitter miteinander verbunden sind. Es gehört über viele Jahrhunderte auch zum Inventar der lutherischen Kirchen. Die Gläubigen sind - ähnlich wie ihre katholischen Geschwister - ebenfalls zur regelmäßigen Buße und Bitte um Sündenvergebung angehalten. Einen solchen Beichtgang in der evangelischen Barfüßerkirche zu Frankfurt am Main schildert Johann Wolfgang von Goethe …

Als ich mich den wunderlichen vergitterten Schränken näherte, wollte mir die memorierte Beichtrede nicht über die Lippen, ich schlug in der Verlegenheit das Buch auf und las daraus die erste beste kurze Formel, empfing die Absolution und betrug mich ein paar Tage, wie es sich nach einer so heiligen Handlung wohl ziemte. Johann Wolfgang von Goethe

Schuldbekenntnis als allgemeine Form der Beichte

Es sind Äußerungen wie diese, weshalb ab dem 18. Jahrhundert die Beichtstühle nach und nach aus den evangelischen Kirchen verschwinden. Argumente liefert der Pietismus. Die Anhänger dieser protestantischen Reformbewegung halten die bisherige Bußpraxis mit ihren geprägten Formeln für überholt. Die Beichte bekommt nun ihren festen Platz im evangelischen Gottesdienst, wird Sache der ganzen Gemeinde. Vor dem Abendmahl findet ein Schuldbekenntnis statt, anschließend werden die Gläubigen von ihren Fehltritten und Schuldgefühlen freigesprochen. Aber auch die Einzel- oder Privatbeichte kann nach wie vor in Anspruch genommen werden - in einem Seelsorgespräch, das bei jeder Pastorin, jedem Pastor möglich ist. Reue, die Bitte um Vergebung gehören auch hier dazu.

Beichtgeheimnis ist älteste Form des Datenschutzes

Modern gesprochen meint Beichte eine kritische Reflexion des eigenen Tuns, das darauf zielt, es künftig anders zu machen - unterstützt durch Gottes Segen, der das Schwere leichter werden lässt. Das ist übrigens auch der Grund, weshalb Martin Luther zeitlebens an der persönlichen Beichte festgehalten hat …  

Ja, ich wäre längst vom Teufel erwürgt, wenn mich nicht die Beichte erhalten hätte. Martin Luther

Was in der Beichte besprochen wird, bleibt vertraulich. Das gilt in beiden Kirchen. Der Staat schützt das Seelsorgegeheimnis (StGb §139). Pastorinnen und Pfarrer müssen vor Gericht nicht gegen einen Menschen auszusagen, dem sie die Beichte abgenommen haben (StGb §139.2). Sollten sie dabei aber von einem Verbrechen erfahren, fordern sie vom Täter, sich der Polizei zu stellen. Das Beichtgeheimnis reicht bis ins Jahr 1215 zurück, wird von einem Konzil beschlossen. Es gilt als eine der ältesten Datenschutzrichtlinien der Welt.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 13.11.2021 | 09:15 Uhr

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