"Judensau"-Relief in der Stiftskirche Bützow. © NDR Foto: NDR

Judenfeindliche Motive in der christlichen Kunst

Sendedatum: 24.10.2020 09:15 Uhr

Antisemitismus: Seine Wurzeln finden sich auch in der christlichen Kunst. Es soll immer noch Kirchen geben, in denen sich eine sogenannte Judensau findet. Was ist das?

von Oliver Vorwald

Bei der sogenannten Judensau handelt es sich um einen Bildtypus aus dem Mittelalter, der Jüdinnen und Juden verspotten soll, ihren Glauben. Ein Schwein, darunter Männer, sie saugen an den Zitzen. Hinter dem Tier kniet ein Rabbiner, erkennbar am Spitzhut. Auch an der Fassade der Wittenberger Stadtkirche gibt es solch ein Relief. Martin Luther hat es nicht gestört. Später greift er das Motiv sogar in seinen antijüdischen Schriften auf.

Die beschämende Seite des Reformators Luther

Margot Käßmann, die sich als Botschafterin für das 500. Reformationsjubiläum engagierte, hat sich mit der dunklen Seite Luthers intensiv auseinandergesetzt. In der Podcastfolge spricht sie mit NDR Moderator Arne-Torben Voigts zum Thema Antisemitismus. Das sei für sie als Lutheranerin auch ein bitterer Teil der Geschichte. Den man dürfe nicht verheimlichen, dem müsse man sich stellen und sagen, dass er eine schwere Last hinterlassen habe.

Befremdlich, beschämend und unverständlich ist diese Seite des Reformators. In der Blütephase seines Schaffens tritt Martin Luther nämlich für die Rechte von Jüdinnen und Juden ein. 1523 erscheint sein Buch "Dass Jesus Christus ein geborener Jude sei". Aber wenige Jahre darauf verfällt er dann doch dem Antijudaismus seiner Zeit.

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Außenansicht der Stiftskirche Bützow. © NDR Foto: NDR

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Kirchen müssen mit antisemitischen Motiven umgehen

Das Motiv der "Judensau" wird auch von anderen verbreitet. Künstlern, Autoren, dem Volksmund. Die Wittenberger Stadtkirchengemeinde weiß um das schwierige Erbe an der Fassade ihres Gotteshauses. Deshalb hat sie unterhalb der Darstellung ein Mahnmal geschaffen, eine Bodenplatte mit folgender Inschrift: "Gottes eigentlicher Name […] starb in sechs Millionen Juden unter einem Kreuzeszeichen."

Margot Käßmann wünscht mehr Erklärung zur "Judensau"

Margot Käßmann fände einen anderen Umgang sinnvoller. Wenn jetzt jüdische Menschen sagen würden, das verletze sie, dass diese in Anführungsstrichen "Judensau" da an der Kirche stehe, dann müsse sie abgenommen werden. Dann gehöre sie in ein Museum mit einer ausführlichen Erklärung.

Rund 30 Darstellungen einer sogenannten Judensau sind heute noch in Europa zu finden. Die meisten von ihnen übrigens an Kirchen in Deutschland. Sie sind ein beschämendes Zeichen der historischen Judenfeindschaft. Und wer meint, die sei doch längst Geschichte, irrt. Das Gift wirkt immer noch.

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Oliver Vorwald © Kirche im NDR Foto: Christine Raczka

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | 24.10.2020 | 09:15 Uhr

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