Sendedatum: 04.06.2020 09:40 Uhr

Fehrs: "Die Zwischentöne gehen verloren"

von Bischöfin Kirsten Fehrs
Kirsten Fehrs, Bischöfin im Sprengel Hamburg und Lübeck der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland © Nordkirche Foto: Marcelo Hernandez
Bischöfin Kirsten Fehrs vermisst in Corona-Zeiten die "kleinen, feinen Zwischentöne".

Sonntagmorgen in der Kulturkirche in Altona. Die Menschen strömen in den Gottesdienst - einer der ersten, den sie seit dem Lockdown wieder feiern dürfen. So gut ist's, sich endlich wieder zu sehen, von Angesicht zu Angesicht, zu plaudern und zu scherzen, echte Begegnung trotz Mund-Nasen-Schutz, abstandsgenau und großartig zugleich. Nur singen geht nicht, zu groß das Infektionsrisiko. Also wird gesummt. Gar nicht so einfach, also wird geübt: Alle summen ihren je eigenen, persönlichen Ton. Gleichzeitig. Manche summen tief, manche glockenklar. Manche, sagen wir: changieren. Zusammen ergibt es ein sagenhaftes Farbenspiel der Zwischentöne. Es liegt Konzentration darin, die die Menschen wirklich berührt - was für ein Segen, denke ich. Der leise Ton gewinnt das Herz.

Zwischentöne wir Mimik und Gestik gehen verloren

Ich werde derzeit oft gefragt, was ich lerne aus der Corona-Zeit. Das ist eine ganze Menge. Eines aber geht mir besonders nach, in all den Video- und Telefonkonferenzen, inmitten dieser digitalisierten Kommunikationswelt, die meinen Alltag bestimmt: wir organisieren. Klären, was die Tagesordnung vorgibt. Doch was per Telefon und Video oft verloren geht, sind die kleinen, feinen Zwischentöne, die entstehen, wenn wir von Angesicht zu Angesicht miteinander sprechen. Verschmitzte Mimik und beruhigende Gestik. Humor und Empathie für den anderen. Es vermitteln sich nicht die leisen, ja gnädigen Töne, die wir als Resonanz so dringend brauchen, um einander zu verstehen. Und die unseren Begegnungen Tiefe geben.

Wenn wir uns sehen, hören wir anders hin

Von Angesicht zu Angesicht - darauf liegt Segen. Immer schon. Denn wir geben darin einander nicht nur ein Ansehen, sondern hören auch anders hin. Das ist nötig in diesen Zeiten: Die Zwischentöne zu suchen und nicht den Parolen zu folgen. Vielleicht kommt dann mehr Licht in die Debatte. Das wäre ein Segen, wie er am Ende jedes Gottesdienstes die Herzen stärken möchte: "Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig."

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 04.06.2020 | 09:40 Uhr

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