Eine Frau zündet in der Stiftung Raues Haus in Hamburg die ersten Kerzen eines Adventskranzes an. © picture alliance / dpa Foto: Daniel Reinhardt

Adventszeit ist Wartezeit

Stand: 25.11.2021 13:46 Uhr

Ungeduld zeichnet den Advent aus, die Wartezeit auf Weihnachten. Durch die Coronasituation ist dieses Jahr alles anders. Wie hilft uns die Adventsbotschaft dabei, gut durch diese Zeit zu kommen?

von Pastor Sieghard Wilm

"Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier. Dann steht das Christkind vor der Tür."

Am kommenden Sonntag beginnt sie, die Adventszeit. Ein Hamburger Pastor, Johann-Hinrich Wichern, wollte das Warten seinen ungeduldigen Waisenkindern erträglicher machen: Er erfand den Adventskranz. So sollten die Kinder Geduld lernen, die Kerzen zählen und warten. Das war 1839. Der Adventskranz ist heute in ganz Europa verbreitet. Später kam der Adventskalender dazu. Die Schokolade hinter dem Türchen sollte den Kindern das Warten versüßen.

Schwierige Vorfreude

Mir klingt in diesen Tagen die Strophe eines Adventsliedes im Ohr: "Wir warten deiner mit Geduld in unsern Leidenstagen". Wie passend das ist: Ich erlebe Menschen, die müde sind von der Pandemie, erschöpft von all den Einschränkungen und dem Streit um den richtigen Weg. Statt Kerzen am Adventskranz zu zählen, starren wir auf die steigenden Inzidenzzahlen. Drohen neue Einschränkungen des öffentlichen Lebens? Die Vorfreude auf ein unbeschwertes Weihnachtsfest ist verdorben.

Ich denke: Wir sind wie Kinder, denen die Schokolade aus dem Adventskalender geklaut wurde. Viele haben keine Geduld mehr. Enttäuschung und Wut machen sich breit. Ich frage mich, wie uns die Botschaft der Adventszeit in diesem Jahr helfen kann.

Warten als Haltung voller Spannkraft

Mich tröstet das Adventslied "O Heiland reiß die Himmel auf…" In diesem Lied steckt eine heilige Ungeduld, die sich Gott in die Arme wirft. So wie Kinder ungeduldig das Geschenkpapier aufreißen, so möge sich Gott doch endlich zeigen mit seiner verheißenen neuen Welt, in der Gerechtigkeit und Frieden wohnen.

Adventszeit ist Wartezeit. Aber dieses Warten im Advent ist nichts Passives, sondern eine Haltung voller Spannkraft: "O Heiland reiß die Himmel auf…". Wenn ich mich vertrauensvoll Gott in die Arme werfe, auch mit meiner Ungeduld, dann finde ich vielleicht die innere Ruhe und Kraft, die Hoffnung zu anderen Menschen zu tragen.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 26.11.2021 | 09:40 Uhr

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