Stand: 18.09.2020 12:14 Uhr

Abschied vom Ich

von Tobias Götting
Jüngere Hand umfasst Hand eines Seniors. © imago/epd Foto: JoernxNeumann
Allein in Hamburg leben über 35.000 Menschen mit einer Demenzerkrankung.

"Ich habe ihn verloren, als er noch am Leben war", sagt Brigitte Wulf. Sie sitzt mir gegenüber und erzählt von der Demenz ihres Vaters. Er war, sagt sie, körperlich anwesend und doch woanders. "Seine Augen sahen mich an und sahen doch nicht, wer ich bin."

Die Angst vor der Veränderung der Eltern

"Ich bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß", sagt ein Mensch von sich im 31. Psalm. Daran muss ich denken, wie sie mir von ihrem Vater erzählt. Ich kann nur erahnen, wie schmerzlich eine solche Veränderung für einen Menschen mit Demenz und alle anderen in der Familie ist. Denn eines ist klar: Du willst nicht, dass Deine Mutter oder Dein Vater sich verändern. Und dazu kommt dann diese ständige Angst: Wie wird das alles weitergehen? Wird er mich eines Tages überhaupt noch mehr erkennen?

Brigitte Wulf erzählt – Gott sein Dank – aber auch noch von ganz anderen Erfahrungen: "Mein Vater war früher streng und autoritär. Mit der Demenz legte er Emotionen an den Tag, wie wir sie früher nicht wahrgenommen haben. Mein Vater war jetzt offen, zugewandt, liebenswürdig. Sein Blick war so treu und zufrieden. Sein Herz befreite sich von Strenge und Härte. Ich nahm dieses Geschenk, einen neuen Vater zu haben, mit beiden Händen und vollem Herzen an.“

Mich berührt auch diese Schilderung. Manchmal wird erst durch die Demenz eine neue Begegnung möglich. Alte Rollen in der Familie können endlich aufbrechen.

Demenz hat zwei Seiten

Als Seelsorger erlebe ich es so: Das Leben mit der Demenz ist wohl immer beides: Bitter, schwer, und herausfordernd. Aber eben oft auch bunt und voller Möglichkeiten. Brigitte Wulf erzählt berührend und sehr ehrlich davon in ihrem gerade erschienen Buch: "Wider das Vergessen. Buchstabensalat im Kopf".

Heute ist Welt-Alzheimer-Tag. In unserem Land leben 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenz. In Hamburg sind es weit über 35.000. Das bedeutet: Ein ganzer Stadtteil von der Größe Hamburg-Bahrenfelds oder Langenhorns ist betroffen. Und die allermeisten Menschen mit Demenz werden zuhause von ihren Angehörigen begleitet.

Heldinnen des Alltags sind sie, finde ich. Und es ist wichtig, dass wir von ihnen wissen – und sie nicht vergessen…

 

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 21.09.2020 | 09:40 Uhr

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