Stand: 27.06.2019 09:05 Uhr

Zu hohe Erwartungen an Bundeswehr-Denkfabrik?

von Julia Weigelt
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Die Verteidigungsministerin machte 2018 den Weg frei für die Bundeswehr-Denkfabrik - beobachtet vom Kommandeur der Führungsakademie Kohl (l.) und dem Präsidenten der Helmut-Schmidt-Universität Beckmann.

Als Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vor einem Jahr an der Hamburger Helmut-Schmidt-Universität den neuen Bundeswehr-Think Tank aus der Taufe hob, waren viele Zuhörer überrascht. Denn die CDU-Politikerin gab dem "German Institute for Defence and Strategic Studies", kurz GIDS, den Auftrag, die Einrichtung solle "ein Sparringspartner sein, für die Bundeswehrführung und das BMVg. Das heißt, wir erwarten auch vom GIDS, dass es die alten Denkmuster beiseite legt, dass es unbequeme Fragen stellt, neue, andere Antworten gibt. Es geht nicht darum, das, was wir alle als Schlussfolgerung schon gewusst haben, noch mal aufzuschreiben.Wir erwarten andere Antworten. Auch gegen Widerstand."

Bisher keine provakante Thesen

Der Militärhistoriker Klaus Naumann begrüßt grundsätzlich den Ansatz des Verteidigungsministeriums, Instrumente zur Strategiefähigkeit zu entwickeln. "Wenn darauf gezielt wird, dass dieses Institut als Ideengeber bis hinein in die Öffentlichkeit wirken soll, dann würde ich sagen: Na dann mal los! Dann macht das doch. Dann setzt da Zeichen und provoziert uns mit unbequemen Thesen."

Ursula von der Leyen. Foto: Sebastian Wilke © Bundeswehr/Sebastian Wilke Foto: Sebastian Wilke

Von der Leyen: GIDS soll Sparringspartner sein

NDR Info -

Bei der Eröffnung der Bundeswehr-Denkfabrik GIDS forderte die Verteidigungsministerin, unbequeme Fragen zu stellen und alte Denkmuster herauszufordern - auch gegen Widerstand.

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Doch Naumann, der auch Mitglied im Beirat Innere Führung ist, hat bisher noch keine provokanten Thesen von der Denkfabrik GIDS gehört. Das erste Fachbuch, das bei der Eröffnung vorgestellt wurde, sei nicht geeignet gewesen, große Provokationen zu erregen. Der Titel: "Militär, Strategie und Forschung - Studien zu Verteidigungskapital, Economic Statecraft, Data Envelopment und Verhaltensökonomie." Vielmehr gehe es um wissenschaftliche Spezialthemen, die im politischen Diskurs keine große Rolle spielten.

Kritische Ideen vermisst

Auch Oberstleutnant a.D. Claus von Rosen, Leiter des Baudissin-Dokumentationszentrums an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, hält den vom GIDS herausgebrachten 200-Seiten-Band für wenig hilfreich. Im Bundeswehr-Think Tank herrscht laut von Rosen eine überkommene Vorstellung von Wissenschaft, bei der es darum gehe, Bücher zu produzieren, egal, wer sie lese.

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Die Denkfabrik GIDS soll in der sicherheitspolitischen Debatte Akzente setzen.

Die vom Ministerium in Auftrag gegebenen kritischen Ideen hat von Rosen vom GIDS allerdings bislang vermisst. Schließlich soll ja auch gegen den Strich gebürstet werden. Bei einer Veranstaltung des Think Tanks zum Thema Ostseeraum hat der Oberstleutnant a.D. sich richtig erschrocken. "Da wurde an der Ostsee genauso weiter gedacht, als wäre das noch im Kalten Krieg."

Erwartungen an Lehrgangsteilnehmer

Claus von Rosen erwartet vom GIDS stattdessen strategische Beratung, die Möglichkeiten für konkretes Handeln aufzeige -  von den Forschenden des Think Tanks oder auch von den Teilnehmern des zweijährigen Generalstabslehrgangs an der Führungsakademie. Denn die Denkfabrik will vor allem von der Expertise und Kreativität der Lehrgangsteilnehmer profitieren. 

Impulse und neue Ideen hatte Verteidigungsministerin von der Leyen schon vor einem Jahr bei der Eröffnung der Bundeswehr-Einrichtung gefordert. "Wir finden, es ist an der Zeit, dass diese Abschlussarbeiten nicht in den Archiven verstauben, sondern dass wir sie zum Leben bringen und dass wir wirklich das rausholen, was da an Brillanz drinsteckt, um das dann auch in die sicherheitspolitische Diskussion einbringen zu können", sagte die CDU-Politikerin.

Veröffentlichung angekündigt, aber noch nicht erfolgt

Darunter sind Arbeiten der klügsten Köpfe der Bundeswehr, von Offizieren, die bereits Erfahrungen in Auslandseinsätzen gesammelt haben. Dazu kommen jedes Jahr rund 60 Seminararbeiten von Lehrgangsteilnehmern, die zugleich an der Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr das Fach “Militärische Führung und internationale Sicherheit” belegen. Arbeiten, die schon vorliegen. Deren Veröffentlichung war schon im vergangenen Jahr angekündigt worden. Doch warum ist bislang keine einzige davon auf der Internetseite des German Institute for Defence and Strategic Studies zu finden? Für den GIDS-Vorstand und Historiker Oberst Matthias Rogg ist "alles viel zu einfach gedacht". Unter anderem seien Datenschutzfragen ganz entscheidend. Man müsse schließlich jeden einzelnen Teilnehmer fragen, ob er mit der Veröffentlichung einverstanden sei. Das passiere gerade. Und bald sollen die Arbeiten samt dreiseitiger Zusammenfassung dann auch wirklich im Internet zu finden sein.

Denkfabrik setzt auf Podcast und Youtube

Das wäre ein Anfang. Brigadegeneral Boris Nannt, an der Führungsakademie Direktor Strategie & Fakultäten, weist darauf hin, dass an der höchsten Ausbildungsstätte der deutschen Streitkräfte die Lehrgangsteilnehmer in der Vergangenheit rund 40 Seiten umfassende Abschlussarbeiten geschrieben haben. "Das macht überhaupt keinen Sinn. Jetzt haben wir ein neues Konzept: Jeder Lehrgangsteilnehmer muss in seiner Zeit zwei Projektarbeiten machen in seinen zwei Jahren. Ein Projekt kann eine Masterarbeit sein. Aber es kann auch ein Podcast oder ein Youtube-Video sein, eine Veröffentlichung in einer Zeitschrift, um mal relevante Produkte zu schaffen. Produkte, die gelesen werden", sagt Nannt. Neue Formate, die schon vor einem Jahr angekündigt wurden und bis heute nicht existieren. Derweil machen befreundete Nationen vor, wie es geht: z.B. Österreich. General Walter Feichtinger vom Bundesheer erklärt schon seit 2017 in kurzen, grafisch top aufbereiteten Youtube-Videos Sicherheitspolitik. Die Palette der Themen reicht von der Zukunft Libyens bis zu hybriden Bedrohungen.

GIDS bisher praktisch ohne Forschungsergebnisse

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Die beiden Leiter des GIDS: Oberst Professor Matthias Rogg (l.) und Professor Burkhard Meißner.

Wer sich allerdings beim GIDS nach Ergebnissen erkundigt, erhält bislang wenig befriedigende Antworten. Die wenigen konkreten Ergebnisse führen zu noch mehr Ratlosigkeit: So hat man im GIDS herausgefunden, dass die Bundeswehr bei einem Stromausfall in Deutschland besonders dringend gebraucht werde, weil es dann besonders schnell zu Chaos und Notfällen kommen könne. Dazu sei sie aber kaum in der Lage. Der Rat: Mehr Generatoren kaufen.

Zweifel bei Sozialforschern

Manche Wissenschaftler bezweifeln, dass das German Institute für Defense and Strategic Studies sich als neues Zentrum kritischer Forschung zu sicherheitspolitischen Themen etablieren kann. Dieter Plehwe vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung kritisiert zum Beispiel eine Veranstaltung zum Thema Strategie. Dort seien auf einmal auch "die Strategie der Katholischen Kirche, die Strategie im Sportbereich, die Strategie im Kunstbereich diskutiert" worden. Plehwe spricht von einer Pseudo-Diskussion. Dadurch werde die Frage verharmlost, "ob man in der Nato aufrüsten muss, weltweite Interventionskapazitäten schaffen muss oder ob man an einer neuen Entspannungspolitik arbeitet, die auf eine Einschränkung der militärischen Beschaffungssysteme herausläuft".

Konfliktforscher vermisst

Der Politikwissenschaftler hat schon die Struktur vieler Think Tanks untersucht. Am GIDS kritisiert er, das Institut sei zu stark am sicherheitspolitischen Establishment angelehnt. Plehwe vermisst "die breite wissenschaftliche Debatte, wo man Personen aus der Friedens- und Konfliktforschung ebenso haben müsste wie aus dem Bereich der Internationalen Beziehungen". Denn nur so könnten auch Fragen zur Abrüstungspolitik diskutiert werden.

Kaum kritische Politikwissenschaftler

Erstaunlich ist daher, dass Politikwissenschaftler der Helmut-Schmidt-Universität in der Denkfabrik praktisch keine Rolle spielen. Dabei würde das eigentlich naheliegen. Geleitet wird das GIDS von zwei Historikern. Der Eindruck bleibt, allzu kritische Forschung sei wohl nicht gewünscht. "Die Bundeswehr ist lange genug so gefahren, dass zu kritische Leute schnell wieder von ihren Posten abgezogen und dann auf Posten versetzt worden sind, wo eine Karriere im Grunde genommen nicht mehr stattgefunden hat", sagt Oberstleutnant a.D. Claus von Rosen.

Chance für kritisches Denken

Das schmerzt den Nachlassverwalter von Graf Baudissin, der sich intensiv mit dem Konzept der Inneren Führung und seinem Leitbild vom Staatsbürger in Uniform auseinandersetzt. Der ehemalige Stabsoffizier wünscht sich daher Vorgesetzte, die ihre Untergebenen nicht ausbremsen, sondern zu kritischem Denken ermutigen. Die Denkfabrik GIDS biete dafür eigentlich gute Voraussetzungen.

Es könnte also noch dauern, bis das German Institute for Defence and Strategic Studies in Hamburg wie von der Verteidigungsministerin vor einem Jahr gefordert neue Antworten gibt auf wichtige Fragen unserer Zeit.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 30.06.2019 | 12:30 Uhr