Stand: 04.09.2019 16:25 Uhr

Söldner – Instrument des Kremls für heikle Missionen?

von Christina Nagel, ARD-Studio Moskau
Bild vergrößern
Moskau ist mit Kampflugzeugen am Syrienkrieg beteiligt. In Bodenkämpfe griffen aber auch Kämpfer der Gruppe Wagner ein.

Dezember 2016. Es ist der Tag der Helden Russlands. Präsident Putin hat in den Kreml geladen. Unter den mächtigen bronzenen Kronleuchtern des prunkvollen Georgssaals haben sich jene versammelt, die mit den höchsten Orden des Staates ausgezeichnet wurden. Für ihren Einsatz fürs Vaterland. "Jeder von Ihnen hat eine eigene, strahlende Seite in der Geschichte Russlands geschrieben", dankt Wladimir Putin. "Auf die Helden unseres Vaterlandes! Auf Russland!"

Dimitri Utkin mit Vorliebe für Wagner

Einer, dem Putins Trinkspruch an diesem Tag gilt, ist Dmitri Utkin, Oberstleutnant der Reserve. Kampfname: Wagner. Dass er, der eine Vorliebe für den deutschen Komponisten haben soll, dort unter den Helden Russlands sitzt, wirft Fragen auf. Denn als Träger höchster Orden war Utkin zu seiner aktiven Zeit beim Militärnachrichtendienst GRU nicht bekannt.

Netzwerk sammelt Infos

Für was also, fragt sich nicht nur der Blogger Ruslan Lewijew, wurde der Mann, der angeblich für eine private Sicherheitsfirma arbeitet, ausgezeichnet? Lewijew ist Teil einer Recherchegruppe, die sich "Conflict Intelligence Team" nennt. Im engen Austausch mit Journalisten weiterer Medien trägt er seit Jahren alles zusammen, was sich über die sogenannte Wagner-Truppe herausfinden lässt. Das Netzwerk analysiert Fotos, die es von Einsätzen gibt, es hat mit ehemaligen Kämpfern und Angehörigen Gefallener gesprochen und zahllose Dokumente ausgewertet.

Gruppe Wagner aktiv in der Ost-Ukraine      

Bild vergrößern
Der Blogger Ruslan Lewijew beobachtet die Aktivitäten russischer Söldner.

Utkins Einheit taucht erstmals 2014 unter dem Namen "Wagner" auf - in der Ukraine. Es gilt als belegt, dass sie im Donbass im Einsatz war. Auch um für Ordnung in den Reihen der verschiedenen Separatistengruppen zu sorgen. "Als einzelne Anführer solcher Gruppen, die auf der Seite der selbsternannten Republiken kämpften, zu unabhängig wurden und sich nicht länger Moskau unterstellen wollten, kamen die Wagner-Kämpfer", erzählt Ruslan Lewijew.  Sie "entwaffneten entweder die betroffene Gruppe oder aber liquidierten ihren Anführer. Sie führten eine Art Säuberung in den eigenen Reihen durch."

Wagners Leute, da sind sich investigativ arbeitende Journalisten wie Denis Korotkow sicher, hätten aber auch an entscheidenden Kampfhandlungen in der Ostukraine wie der Schlacht um den strategisch wichtigen Verkehrsknotenpunkt Debalzewe teilgenommen.

Wagner-Truppe kämpfte in Syrien

Das heißt, russische Kämpfer waren vor Ort. Nicht aber russische Militärangehörige - und das betont der Kreml immer wieder. Eine Intervention also im Interesse Moskaus, nicht aber im offiziellen Auftrag Russlands. Klar belegen lässt sich nach Angaben der Journalisten auch, dass Utkin und seine Männer bei großen Schlachten in Syrien mit dabei gewesen sind. Auch beim Sturm auf Palmyra 2016, sagt Ruslan Lewijew. In Syrien habe  die Truppe klar Aufgaben einer regulären Armee übernommen.  Sie habe Städte gestürmt, die in der Hand der Terror-Organisation IS waren. Es seien aber auch einzelne Objekte im Öl- und Gasbereich erobert worden.

Zugriff auch auf schwere Waffen

Nach Angaben des Journalisten Denis Korotkow hat die Truppe in Syrien auch schweres Gerät eingesetzt. "Bei Bedarf bekommen sie Artillerie, Panzer, Raketenwerfer, Drohnen und Mörser." Kein Material, auf das ein normaler Sicherheitsdienst oder Militärdienstleister zurückgreifen kann. Wohl aber das Verteidigungsministerium. Und dem scheint die Wagner-Truppe nicht nur in Sachen Ausrüstung nahezustehen. Ihr Trainingsgelände befindet sich auf einem Truppenübungsplatz des Militärgeheimdienstes GRU, für den Utkin bis 2013 tätig war.

Offiziell keine russischen Verluste

Bild vergrößern
Russische Söldner sollen in der Ostukraine an der Seite der Separatisten kämpfen.

Warum aber setzt der Kreml auf eine Art Privatarmee, wenn doch das russische Militär ganz offiziell an der Seite von Machthaber Assad kämpft? Weil sich der Einsatz, der als Kampf gegen den Terror deklariert ist und eigentlich auch nur aus der Luft geführt wird, also ohne Bodentruppen, so als äußerst erfolgreich darstellen lasse, meint der Blogger Lewijew. "Denn, wenn eine Meldung auftaucht, dass ein Russe in Syrien verschwunden ist (…) dann kann man immer sagen, dass er nicht bei der Armee war. Es gibt keine Verluste in der Armee." Dafür aber bei der Wagner-Truppe. Die Verluste in Syrien sollen hoch gewesen sein.

Wagner-Truppe ohne Rekrutierungsprobleme

Und trotzdem finden sich immer wieder neue Kämpfer. Die Einheit soll zwischen 2.500 und 3.000 Mann stark sein. Es sei, so Lewijew, einfach deutlich lukrativer für Wagner zu arbeiten als für die reguläre Armee: Man müsse nicht um jede Zulage kämpfen und bekomme seinen Lohn bar auf die Hand. "Es ist profitabler und einfacher. Dafür musst du auf vieles verzichten, du darfst kein öffentliches Leben führen. Und wenn du ums Leben kommst, dann wird sich vermutlich niemand um deinen Leichnam kümmern, der bleibt in der Wüste. Und niemand wird dich offiziell für tot erklären." Weil es Kampfeinheiten wie Wagner schlichtweg nicht geben darf. Die russische Gesetzeslage verbietet Privatarmeen. Auf Söldnertum stehen hohe Haftstrafen.  Weshalb Präsident Putin sehr bewusst, wenn er von Wagner spricht, von einer privaten Sicherheitsfirma redet.

Einsatz in vielen Konfliktgebieten

Wagner-Kämpfer sind in vielen Regionen aktiv - auch in Krisengebieten, in denen der Einsatz regulärer Truppen sicherheitspolitisch kritisch oder aber international umstritten wäre. Das gilt auch für Einsätze in Afrika. Ob im Sudan, in der Zentralafrikanischen Republik oder Libyen - überall lassen sich sowohl wirtschaftliche als auch geopolitische Interessen ausmachen; von Seiten der russischen Führung, aber auch bei demjenigen, der die Wagner-Truppe angeblich finanzieren soll.

Putin-Vertrauter als Geldgeber?

Bild vergrößern
Der Putin-Vertraute Prigoschin (links) finanziert offenbar die Aktivitäten der Gruppe Wagner.

Genannt wird in diesem Zusammenhang der Unternehmer Jewgenij Prigoschin, der als Caterer unter anderem die russische Armee mit Essen versorgt. Für den Journalisten Denis Korotkow ist er ein Geschäftsmann, der dem Kreml nahesteht - ein Unternehmer mit einem breiten Interessensspektrum. "Er wird normalerweise ‘Putins Koch‘ genannt. Seine Unternehmen kümmern sich in der Regel um alle Veranstaltungen des Präsidenten und der Regierung, auch um große Empfänge im Kreml oder an anderen Orten in Moskau." In seinem Firmenimperium sollen sich aber auch Unternehmen befinden, die in Bergbaugeschäfte in Afrika eingestiegen sind, und die berühmt-berüchtigte Petersburger Trollfabrik. Prigoschin selbst bestreitet, etwas mit der Wagner-Truppe zu tun zu haben.

Helden statt Söldner

Offiziell gibt es in Russland keine Privatarmeen. Dafür aber Helden, wie Präsident Putin beim Empfang im Georgssaal betont: "Widerstandsfähig, heldenmütig, furchtlos, riskieren unsere Militärs ihr Leben, um ihre kriegerische Pflicht in Syrien zu erfüllen. "Einer, der dieser Pflicht offenbar mit großem Erfolg nachkam und deshalb hoch dekoriert wurde - war und ist Dmitri Utkin - der Oberstleutnant a.D. mit der Vorliebe für einen deutschen Komponisten. Und dem Kampfnamen: Wagner.

Weitere Informationen

Streitkräfte und Strategien

Die Reihe Streitkräfte und Strategien setzt sich kritisch mit Fragen der Sicherheits- und Militärpolitik auseinander. 14-tägig sonnabends um 19.20 und sonntags um 12.30 Uhr. mehr

Podcast

Podcast: Streitkräfte und Strategien

Die Sendereihe Streitkräfte und Strategien über aktuelle Themen der Sicherheits- und Militärpolitik. Alle 14 Tage sonnabends um 19.20 Uhr und sonntags um 12.30 Uhr. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 07.09.2019 | 19:20 Uhr