Stand: 22.09.2019 15:00 Uhr

NATO-Auslandseinsätze – Kontakt zu Einheimischen gesucht

von Christian Peter
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CIMIC-Soldaten versuchen, Kontakt zur Bevölkerung herzustellen.

Oberstleutnant Helge Rücker ist als sogenannter CIMIC-Offizier in mehreren Auslandseinsätzen gewesen. Der Stabsoffizier der Bundeswehr aus der Kaserne im niedersächsischen Nienburg beschreibt seine militärische Hauptaufgabe so: "Wir informieren unseren Kommandeur im Einsatz, was im zivilen Umfeld so passiert und stattfindet - in humanitärer Hinsicht vor allen Dingen, und über mögliche Auswirkungen auf unseren eigenen Auftrag."

Kontakt zu Lokalpolitikern

Die NATO hat für Einsätze festgelegt, dass immer die Situation der Bevölkerung vor Ort bei militärischen Operationen berücksichtigt werden muss. Sogenannte Feldkräfte - im Englischen: fieldworker - besorgen die Informationen direkt vor Ort. In kleinen Trupps suchen sie daher gezielt den Kontakt zu Lokalpolitikern, Bürgermeistern oder anderen Multiplikatoren und Akteuren im Einsatzgebiet. Im militärischen Führungsstab der Einsatzkräfte werden dann die so gewonnen Informationen von Experten gesammelt und sozusagen Puzzlestein für Puzzlestein zusammengelegt. Auf diese Weise entsteht für die Militärs ein sogenanntes ziviles Gesamtbild. Seine Bewertung geht ein in die militärische Lagebeurteilung und ist insofern für die Militäroperation von Bedeutung.

"Auf wen müssen wir Rücksicht nehmen?"

Welche Informationen benötigt werden, erläutert Oberstleutnant Kai Friedrich, einer von 200 deutschen CIMIC-Soldaten in Nienburg: "Welche Nöte gibt es in der Zivilbevölkerung? Wer hat dort das sagen? Wer ist unser Ansprechpartner? Wer ist auf staatlicher Seite vorhanden? Welche Aufgaben nehmen die wahr? Wer ist weiterhin in einem Einsatzgebiet vorhanden, in dem wir uns ja auch frei bewegen wollen? Auf wen müssen wir eventuell Rücksicht nehmen? Welche Hilfsorganisationen sind dort unterwegs? Mit wem können wir eventuell kooperieren?" Für die Abstimmung ist die Stabsabteilung 9 zuständig. Sie ist inzwischen Standard in allen Führungsstäben innerhalb der NATO.

Zu wenig CIMIC-Experten

Jeder Kommandeur einer Brigade oder eines Verbandes im Auslandseinsatz hat also CIMIC-Fachpersonal, das ihm verifizierte Informationen über die zivile Lage verschafft und so aufbereitet, dass ihm klar wird, was zivile Entwicklungen für die eigenen Vorhaben bedeuten. Allerdings gibt es in der NATO nur wenige CIMIC-Spezialisten.

Bundeswehr übernimmt Führungsrolle

Für deren Ausbildung unter einsatznahen Bedingungen fehlt ihnen die Infrastruktur. Sie kommen daher regelmäßig zur weltweit größten multinationalen CIMIC-Übung - "Joint Cooperation" - im deutschen Übungszentrum in Nienburg. Die Bundeswehr hat auf diesem Gebiet eine Führungsrolle übernommen. Ende September 2019 wird das Zentrum in Nienburg umgewandelt zum CIMIC Command. Auf diese Weise will man in der NATO noch enger als bisher zusammenarbeiten und wesentlich effizienter werden. Hintergrund sind die knappen Finanzmittel, vor allem bei den europäischen Mitgliedern. Ein weiterer Grund: Nach dem von allen NATO-Staaten beschlossenen "Framework Nation Concept" - zu deutsch Rahmennationenkonzept - übernimmt Deutschland bei der zivil-militärischen Zusammenarbeit eine Führungsrolle.

Unterschiedliche Vorstellungen bei NATO-Ländern

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CIMIC-Soldaten der Bundeswehr dürfen nicht für die "psychologische Kriegsführung" eingesetzt werden.

Doch bei der Umsetzung des ambitionierten Vorhabens gilt es, noch diverse Hürden zu überwinden. Im Grunde sind dies oftmals die gleichen Probleme, die auch in Auslandseinsätzen auftreten: Da sind zum Beispiel die NATO-Vorschriften, die unterschiedlich ausgelegt werden. Aber auch kulturelle Unterschiede können bei gemeinsamen NATO-Einsätzen eine Herausforderung sein. "Wenn ich als Deutscher sage 'morgen um acht Uhr haben wir Ausbildungsbeginn', heißt das nicht, dass alle Nationen das gleichermaßen verstehen", erzählt Oberstleutnant Rücker. Manche kämen dann erst um 8.15 Uhr oder 8.30 Uhr.

Kein Platz für psychologische Kriegsführung?

Ein weiteres Problem ist das unterschiedliche CIMIC-Verständnis in den Streitkräften der NATO-Mitgliedsländer. Die Bundeswehr trennt in einem Einsatzland die Aufgabenbereiche Öffentlichkeitsarbeit, psychologische Kriegsführung - also "Psychological Operations" - sowie die nachrichtendienstliche oder militärische Aufklärung deutlich von der Aufgabe der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Andere Nationen sehen keine Notwendigkeit, diese Rollen zu trennen. "Wir sprechen von Informations-Aktivitäten", sagt der dänische Oberstleutnant Ole Laursen. Er gehört zum CIMIC-Zug eines dänischen Aufklärungs-Regiments. "Dabei verschmelzen CIMIC-Missionen und psychologische Kriegsführung. Das gilt auch für unsere Teams. Die machen sowohl zivil-militärische Zusammenarbeit als auch psychologische Kriegsführung."

CIMIC-Spezialisten der Bundeswehr dagegen ist die psychologische Kriegsführung aufgrund nationaler Vorschriften nicht erlaubt. Dieses unterschiedliche CIMIC-Verständnis ist ein bisher ungelöstes Problem. Offen ist, ob sich Deutschland hier auf die anderen NATO-Länder zubewegen wird. Es ist in erster Linie eine politische Frage.

Bundeswehr mit Personalproblemen

Nach der Umgliederung des Nienburger Zentrums für zivil-militärische Zusammenarbeit zum multinationalen CIMIC Command am 30. September 2019 soll es an dem Standort künftig mehr deutsche CIMIC-Soldaten geben. Dabei gibt es eine Schwierigkeit: CIMIC ist keine eigene Truppengattung. Und es ist offen, woher das erforderliche neue Personal kommen soll. Der Kommandeur des Nienburger CIMIC-Zentrums, Andreas Timm,  verweist darauf, dass die großen Truppensteller Heer, Luftwaffe, Marine für drei und mehr Jahre Personal abstellen müssen. "Wir werden einen geringen Aufwuchs haben und den werden wir sicherlich auch innerhalb der Streitkräftebasis oder innerhalb der Bundeswehr selber ableiten müssen." Oberst Timm ist aber trotz der angespannten Personallage zuversichtlich, die Stellen nach und nach besetzen zu können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Streitkräfte und Strategien | 21.09.2019 | 19:20 Uhr