Stand: 14.04.2019 16:00 Uhr

Glen Hansards Risiko wurde belohnt

This Wild Willing
von Glen Hansard
Vorgestellt von Ralf Dorschel, NDR Info Nachtclub & Nightlounge
Bild vergrößern
Das Album "This Wild Willing" von Glen Hansard ist beim Label Anti/Indigo erschienen.

Die Stadt: Paris. Der Fremdenführer: Schriften von Ernest Hemingway. Das Domizil: eine Kammer im Irish Cultural Centre. Die Zeit: Juli 2018. Einen Monat lang wohnte Glen Hansard im fünften Arrondissement, begab sich auf Sightseeing-Tour auf den Spuren des amerikanischen Erzählers, stöberte in linken Buchläden und besuchte befreundete Künstler. Immer auf der Suche nach einer Idee, die das nächste Album unterscheiden sollte von den Vorgängern.

Viele gegensätzliche Einflüsse trafen zusammen

Was er fand, passte erst mal kaum zusammen: Der irische Barde traf bei einer Freundin die Khoshraveshs - drei Brüder, die den klassischen Gesang Persiens studiert haben und jetzt von Paris aus auf den Spuren einer Kultur sind, die im 16. Jahrhundert rund um das Mittelmeer den Austausch zwischen Orient und Okzident ermöglichte.

Oder die beiden Elektroniker Dunk Murphy und David Cleary, mit denen Hansard seit Jahren gerne arbeitet und deren Klangexperimenten er nun gerne im Studio nachgehen wollte.

Dazu kamen treue Freunde wie die Keyboarderin Ruth O'Mahony Brady, Bassist Joseph Doyle, Gitarrist Javier Mas und die Streicher von String Féin. Produzent David Odlum schlug vor, diese Musiker im Studio einfach machen zu lassen. Improvisieren also - ohne vorgegebenes Ziel und angesichts der so gegensätzlichen Einflüsse auch mit beträchtlichem Risiko.

Ein Rätsel mit magischem Ausgang

"Aber es wurde schnell klar, dass wir etwas Interessantes gefunden hatten", sagt Hansard über die Sessions zu "This Wild Willing". Mitgebracht hatte er eine Sammlung von Songs, die sich diesem experimentellen Ansatz anbieten: Weniger konzentriert als der kompakte Vorgänger "Between Two Shores" wirkt schon das Ausgangsmaterial, doch was dann beim Herumspielen daraus wurde, dürfte selbst seine Fans erstaunen: "I'll Be You, You Be Me" und "Fool's Game" wechseln zwischen introspektiven Passagen und explosionsartigen Ausbrüchen - Post Rock, der sich auch bestens auf einem Album von Sigur Ros oder Mogwai machen würde.

"Wenn Ihr ''I'll Be You' das erste Mal hört, stellt Eure Kopfhörer bitte auf sehr laut", rät Hansard seinen Fans. Doch nach hinten hin wird das Album immer leiser und immer freier, entzieht sich schließlich allen Versuchen einer Einordnung zwischen Folk, Jazz und Experiment. Die leise gesummten Silben auf "Weight Of The World", der Kontrabass, das suchende Piano - das ist "Astral Weeks" und Talk Talks "Spirit Of Eden" und John Martyns "Solid Air". Und ein Song wie "The Closed Door" mit seinen elektronischen Soundscapes und den nahöstlichen Skalen der Khoshraveshs ist dem Künstler selbst ein Rätsel, wie er zugibt. Ein Rätsel, aber eins mit magischem Ausgang.

Sein Gastspiel an der Seine hat Hansard noch weiter befreit - heute ist der Ire als Songwriter, Sänger und Musiker in einer Klasse ganz für sich allein. Ein Künstler, der ohne nennenswerte Kompromisse aufschließt zu seinen drei Idolen Leonard Cohen, Bob Dylan und Van Morrison.

Archiv

Soak besingt Derry mit großer Weisheit

23.04.2019 23:05 Uhr

Vier Jahre nach ihrem gefeierten Debüt-Werk singt Soak auf dem Nachfolger über ihre Heimatstadt Derry. Der NDR Info Nachtclub verlost "Grim Town" als Album der Woche. mehr

Americana-Fantasie trägt Sital-Singh-Album

08.04.2019 23:05 Uhr

Das neue Werk des Singer-Songwriters Luke Sital-Singh hat eine "positive Stimmung, ohne zu kitschig zu sein". Für den NDR Info Nachtclub ist "A Golden State" das Album der Woche. mehr

Weyes Blood: Apokalypse, aber richtig

01.04.2019 23:05 Uhr

Die Künstlerin Weyes Blood setzt auf ihrem vierten Studio-Longplayer voll aufs Thema Liebe. Der NDR Info Nachtclub stellt "Titanic Rising" als Album der Woche vor. mehr

This Wild Willing

Genre:
Singer/Songwriter
Label:
Anti / Indigo
Veröffentlichungsdatum:
12. April 2019

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Nachtclub | 15.04.2019 | 23:05 Uhr