Stand: 21.04.2018 00:00 Uhr

Alexis Taylor: Avantgarde im Popkostüm

Beautiful Thing
von Alexis Taylor
Vorgestellt von Henning Cordes, NDR Info Nachtclub & Nightlounge
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Das Alexis-Taylor-Album "Beautiful Thing" erscheint beim Label Domino Recording Co.

Ungefähr zehn Jahre ist es her, da galt die britische Band Hot Chip als der "Hot Shit". Doch dass niemand ewig angesagt bleibt, schon gar nicht ohne ein bisschen Bewegung, weiß auch Hot-Chip-Frontmann Alexis Taylor. Nun zielt Taylor von jeher weniger auf den Applaus des gemeinen Top-of-the-Pops-Publikums, sondern eher auf die belesenen Weinschwenker. Anders ausgedrückt: Er versucht seinen Pop mit Avantgarde-Splittern zu durchsetzen - und seit einigen Jahren hat er auch reichlich Zeit dafür.

Lust auf Experimente

Der Grund: Bei Hot Chip passiert gerade nicht viel. Das bislang letzte Album gab es im Jahr 2015. Dafür ist Taylor solo seitdem umso umtriebiger. Er hat schon zwei Alben veröffentlicht, mit denen er vor allem zeigt: Da hat jemand wirklich Lust auf Experimente. "Listen With(out) Piano" von 2017 war einerseits ein vollwertiges, eigenständiges Album, andererseits ein Add-on zum Vorgänger "Piano". Seine Idee: Beide Alben sollen übereinander passen und parallel gehört eine vollkommenere Platte abgeben.

Produzent: Tim Goldsworthy

Auf deratigen Spielkram verzichtet Taylor inzwischen. Für sein aktuelles Album "Beautiful Thing" hat er sich einen Trip-Hop-Altmeister und gleichzeitigen Tanzbein-Experten angeheuert: Tim Goldsworthy heißt der Mann. Er hat zusammen mit James Murphy (LCD Soundsystem) das geschätzte Label DFA gegründet, es inzwischen mit juristischem Beißen und Kratzen hinter sich gelassen und verdingt sich nun wieder als Produzent. Den Job hat er zum Beispiel für Massive Attack und Hercules and Love Affair ausgeübt. Jetzt ist Alexis Taylor an der Reihe.

Weniger minimalistisch, weniger ungeschliffen

Taylor lässt sich solo das erste Mal auf einen Fremdproduzenten ein. Mit Goldsworthy fiel die Wahl gleich auf einen besonders profilierten, von dem Taylor nach eigenen Angaben allerdings nicht erwartete, einen markanten Erfolgssound geliefert zu bekommen. Goldworthy sollte sich vielmehr auf ihn einlassen.

Am Ende scheint der Plan aufgegangen zu sein: "Beautiful Thing" baut näher an dem, was Taylor bisher mit Hot Chip gebastelt hat. Im Gegensatz zu seinen anderen Solo-Werken ist es aber weniger minimalistisch, weniger ungeschliffen. Es wirkt fast so, als wenn er es erst jetzt ernst meint.

Fürs Publikum zwischen Caféhaus und Kunsthalle

Diese Attitüde reicht nicht so weit, dass Alexis Taylor Chart-Topper raushaut. Obwohl er singt "I need a hit song", gibt es auf "Beautiful Thing" nur wenige Stücke, die dem nahekommen. Doch das Publikum zwischen Caféhaus und Kunsthalle dürfte ihm sicher sein. Es kriegt experimentellen Pop, oft repetetiv, manchmal kraftvoll, meistens aber erstaunlich zart, geradezu intim.

"Beautiful Thing" wird seinem Namen gerecht - selbst wenn es nicht zum Titel "Hot Shit 2018" reichen sollte, der seinem Schöpfer die alte Hipness wiederbringt. In jedem Fall hat Alexis Taylors neues Werk aufmerksame Ohren verdient. Es lohnt sich.

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Beautiful Thing

Genre:
Indie/Alternative
Label:
Domino Recording Co
Veröffentlichungsdatum:
20. April 2018

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Nachtclub | 16.04.2018 | 23:05 Uhr