Stand: 30.01.2019 17:15 Uhr

Wer regiert in Venezuela?

Im Machtkampf in Venezuela zeigt der umstrittene Präsident Zähne. Sollten die USA militärisch in dem Krisenstaat eingreifen, würden sie sich eine blutige Nase holen, droht Maduro. Viel konkreter ist aber der Gegenwind, der ihm auf der Straße entgegenbläst, aufgefordert vom seinem Gegenkandidaten Guiadó, der sich selbst zum Päsidenten erklärt hat.

Ein Kommentar von Anne-Kathrin Mellmann, ARD-Hörfunkstudio Mexiko-City

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ARD-Korrespondentin Anne-Katrin Mellmann meint, das Parlament in Venezuela verdiene volle Unterstützung.

Venezuela erlebt in diesen Tagen etwas, das ausgestorben schien: Hoffnung. Noch nicht viel, aber etwas. Hoffnung auf Veränderung, auf ein Ende der Not. Vielleicht liegt wirklich bald wieder Brot auf dem Tisch, wie Juan Guaidó es formuliert hat, kehren die Lebensmittel zurück in die Läden, werden Krankenhäuser wieder mit Medikamenten und Material beliefert und vielleicht kehren sogar die Millionen Menschen zurück, die in den zurückliegenden Jahren vor der Krise und vor politischer Verfolgung geflohen sind.

Die Notlage der Menschen ist Maduro egal

Der Coup der Opposition, Juan Guaidó zum Übergangspräsidenten zu machen, ist gewagt und riskant: Es könnte schiefgehen, wenn Maduro und seine Generäle hart bleiben. Auch wenn ihnen die USA jetzt den Geldhahn abgedreht haben und die Zahlungen für venezolanisches Öl auf Sperrkonten schicken.:Maduro und seine kriminelle Kleptokraten-Clique haben noch andere Einnahmequellen, und die Notlage der Menschen, die sich dramatisch verschärfen dürfte, ist ihnen ohnehin egal.

Das Blutvergießen findet längst statt

Die Ernennung von Guaidó zum Übergangspräsidenten ist auch deshalb riskant, weil politisches Chaos zu noch mehr Gewalt führen kann. Das Regime zeigt in diesen Tagen, dass es für seinen Machterhalt alles tut - mindestens 700 Menschen wurden verhaftet, darunter Minderjährige. Mehr als 30 Venezolaner sind ums Leben gekommen. Das Blutvergießen, vor dem sich Papst Franziskus fürchtet, findet schon längst statt. Auch eine Intervention von außen ist möglich und damit der Zerfall eines Landes, Chaos - und noch mehr Not. Die Verzweiflung vieler ist inzwischen so groß, dass es ihnen schon fast egal ist, auf welchem Weg Maduro zum Teufel gejagt wird, und wer den Job übernimmt.

Hauptsache, nicht mehr Maduro

Größeres Vertrauen in die zersplitterte Opposition gibt es schon lange nicht mehr. Immer wieder haben mir Venezolaner gesagt, dass sie sogar mit einer Intervention einverstanden wären, wenn Maduro nur endlich verschwände. Es ist schockierend zu sehen, an welchen Abgrund diese Regierung das Land und seine Menschen mit ihrem angeblichen Sozialismus gebracht hat. Nicht einmal mehr die sozialistische Internationale erkennt Maduro noch an - im Gegensatz zu einigen verbohrten Linken in Deutschland. Der Abgrund ist so tief und schwarz, dass schon ein 35-jähriger Politik-Newcomer wie Guaidó nach nur drei Wochen im Amt als Parlamentspräsident zum Hoffnungsträger avancieren kann.

Gewagte Taktik, die aber aufgehen könnte

Die US-Regierung einzubeziehen, war unklug, weil es Wasser auf die Mühlen der Propaganda-Maschine gießt. Maduro und seine Verbündeten können sich wieder einmal darauf zurückziehen, Opfer des Imperialismus zu sein. Aber die EU oder die Nachbarn der Region hätten Guaidó ohne das Voranpreschen der US-Regierung kaum so unterstützt, wie sie es jetzt hoffentlich tun. Es ist sehr riskant, aber es könnte klappen: Wenn Guaidó es schafft, die Mehrheit der Soldaten zu überzeugen und vor allem die großen Geldgeber Maduros: Russland und China. Vor allem dafür braucht er Hilfe des Auslands.

Opposition verdient Unterstützung

Manche werfen Guaidó vor, undemokratisch gehandelt zu haben. Zu Erinnerung: Die Demokratie in Venezuela ist seit mindestens anderthalb Jahren abgeschafft, Gewaltenteilung gibt es nicht mehr. Eine freie Wahl fand zuletzt statt, als die Opposition die überwältigende Mehrheit im Parlament gewann. Dieses Parlament hat nun zur Macht gegriffen. Es verdient volle Unterstützung.

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"Wir lassen uns nicht erpressen"

30.01.2019 10:00 Uhr

Venezuelas Präsident Maduro will offenbar mit der Opposition verhandeln. Das sagte er in einem Interview. Mehr bei tagesschau.de. extern

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NDR Info | Kommentar | 30.01.2019 | 17:08 Uhr