Stand: 24.01.2019 17:29 Uhr

Sollen wir an den Stickoxid-Grenzwerten festhalten?

Mehr als 100 Lungenärzte hatten am Mittwoch erklärt, es gebe keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Stickoxid-Grenzwerte und deren gesundheitlichen Nutzen. Viele Studien hätten erhebliche methodische Schwächen. Bundesverkehrsminister Scheuer begrüßte die Initiative der Ärzte. Jürgen Webermann und Tom Heerdegen mit ihrem Pro und Kontra zur Frage: Sollen wir an den Stickoxid-Grenzwerten festhalten?

PRO

"Erbringt bitte statt pauschalen Vorwürfen einen stichhaltigen Nachweis, dass 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid völlig unbedenklich sind, und zwar für alle", fordert NDR Info Redakteur Jürgen Webermann von den Kritikern der aktuell gültigen Grenzwerte.

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Strenge Grenzwerte können funktionieren, in den USA seien die Autos deshalb sauberer, meint Jürgen Webermann.

Es ist schon interessant. Die jetzigen Stickstoffdioxid-Grenzwerte gibt es schon seit Jahren. Aber jetzt auf einmal, wo diese Grenzwerte endlich mal beachtet werden, dreht das Land quasi durch. Dass strenge Richtlinien durchaus sinnvoll sind, zeigt sich in den USA. Dort sind die Behörden bei der Zulassung von Dieselautos viel penibler als hierzulande. Und siehe da: Es funktioniert. Deutsche Hersteller verkaufen dort sauberere Autos als in Deutschland. Und damit könnten wir die Debatte auch schon wieder beenden. Der Ball läge bei der Autoindustrie.

Aber es gibt noch mehr Gründe, die Grenzwerte beizubehalten, selbst wenn sie, wie einige behaupten, "völlig aus der Luft gegriffen" sein sollten. Es mag ja sein, dass die EU bei der Einführung dieser Grenzwerte mit Hilfe der Weltgesundheitsorganisation alte Studien zu Grunde legen musste, weil es an Datenmaterial zu den Gefährdungen durch Stickstoffdioxid gemangelt hat. Aber es geht letztlich darum, uns alle, vor allem aber kleine Kinde rund Asthmatiker, zu schützen. Und es gibt inzwischen eine ganze Reihe an Studien, die zumindest einen Zusammenhang zwischen Stickoxiden und Gesundheitsgefahren nahelegen.

Solange die jetzigen Grenzwert-Kritiker, angeführt von einem Chefarzt, der längst im Ruhestand ist, mit einem anderthalbseitigen Positionspapier ohne jegliche wissenschaftliche Verweise ganze Studienkomplexe in Grund und Boden rammen, würde ich sagen: Erbringt bitte statt pauschalen Vorwürfen einen stichhaltigen Nachweis, dass 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid völlig unbedenklich sind, und zwar für alle. Weist nach, dass sämtliche Wissenschaftler aus Europa und den USA mit ihren Erkenntnissen falsch lagen. Solange dieser Gegenbeweis nicht erbracht ist, wäre es schlicht unverantwortlich, am Grenzwert zu rütteln.

KONTRA

"Verbote schaffen keine Einsicht. Auch diese Diskussion braucht Argumente, keine Dogmen", meint hingegen Tom Heerdegen, Leiter der Nachrichtenredaktion

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Tom Heerdegen wünscht sich mehr Fakten in der Diskussion und nicht nur Meinungen und Behauptungen.

Ich möchte Ihnen nichts vormachen: In Chemie war ich schon in der Schule eine echte Niete und sonderlich tief eingedrungen in die Welt der gasförmigen Sauerstoffverbindungen bin ich bis heute nicht. Folglich kann ich auch keine fundierte Antwort geben auf die Frage, wie hoch oder niedrig Grenzwerte für Stickoxide sein müssen, damit Menschen nicht krank werden von Giftstoffen in der Luft. Das erwartet wohl auch niemand von mir, ich bin ja kein Naturwissenschaftler.

In den vergangenen Tagen hat sich bei mir allerdings der Verdacht verstärkt, dass es anerkannten und selbsternannten Experten nicht viel anders geht als mir: Die Diskussion um Grenzwerte für Stickstoffdioxid, Gesundheitsschutz und Fahrverbote ist geprägt von Meinungen, Behauptungen und Interpretationen, Fakten hingehen sind Mangelware. Die jedoch erwarte ich, wenn es um weitreichende, Millionen Menschen betreffende Entscheidungen geht.

Wenn mir jemand zumindest halbwegs schlüssig erklärt, warum gerade 40 Mikrogramm in der Außenluft der genau richtige Wert ist und nicht etwa 30 oder 100, und mir verständlich macht, dass unsere Methoden, diesen Wert zu ermitteln, besser sind als andere, trage ich jeden dadurch erforderlichen Schritt zum Gesundheitsschutz mit. Natürlich auch Fahrverbote.

Die allermeisten Dieselfahrer haben mehr im Kopf als eine Abgaswolke und wollen nicht in Kauf nehmen, dass Menschen krank werden oder gar sterben, damit ihr altes Auto weiter durch die Innenstädte fahren kann. Doch sie erwarten vollkommen zu recht nachvollziehbare Begründungen für Verbote. Es geht hier um Verhältnismäßigkeit. Wenn Millionen Besitzer oft gar nicht wirklich alter Diesel sehr viel Geld verlieren und in Ihrer Mobilität eingeschränkt werden, ist das in Ordnung - wenn es dafür gute Gründe und keine bessere Alternative gibt.

Wer jedoch meint, ein "Das wurde mal so beschlossen, das bleibt jetzt so" würde reichen, wird vergeblich auf Verständnis der Betroffenen hoffen. Verbote schaffen keine Einsicht. Auch diese Diskussion braucht Argumente, keine Dogmen. Und die Grenzwerte müssen noch einmal auf den Prüfstand.

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NDR Info | Kommentar | 24.01.2019 | 17:08 Uhr