Stand: 15.04.2019 11:20 Uhr

"Auch ich bin ein Teil des Verkehrsproblems"

Gold-schwarze Transporter gehören nun zum Stadtbild in Hamburg. "MOIA" steht darauf. Das ist ein neuer Mobilitätsanbieter in der Hansestadt. Das Konzept der VW-Tochter ist eine Mischung aus Busfahren und Car-Sharing. Die Idee ist simpel: Fahrgäste geben ein bestimmtes Ziel vor und ein Computer prüft, wer in dieselbe Richtung möchte. Mehrere Leute teilen sich so die Fahrt, kleinere Umwege inklusive. Aber führt das auch zu weniger Verkehr auf den Straßen?

Ein Kommentar von Michael Latz, NDR Info

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Michael Latz ist Autofahrer und hält sich selbst für einen Teil des Verkehrsproblems in den Städten.

Ein Shuttle-Dienst, der mit mehreren hundert Bussen in der Hamburger City unterwegs ist? Braucht es das wirklich? Sind die Straßen nicht schon voll genug? Dabei könnten die Kunden doch einfach Bus und Bahn nehmen. Gräbt so ein großflächiger Shuttle-Dienst dem Öffentlichen Nahverkehr nicht das Wasser ab? Und was wird überhaupt aus all den Taxis, denen womöglich die Kunden abhanden kommen?

Fragen, vor denen wir uns alle drücken

Ja, all diese Fragen kann man sicher diskutieren. Für manche Antworten ist es aber noch zu früh, weil niemand die Auswirkungen eines großflächigen Shuttle-Dienstes wie MOIA absehen kann. Deshalb wird das Projekt in Hamburg mit Studien begleitet. Aber all diese kritischen Fragen gehen völlig am Thema vorbei. Es ist eher an der Zeit, Fragen zu beantworten, die alle Autofahrer in großen Städten wie Hamburg längst kennen. Fragen, vor denen ich mich auch seit Jahren drücke.

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Stellplatz-Miete statt Netzkarte für den Bus

Ja, ich fahre gerne mit dem Auto. Mit dem eigenen Wagen. Ein eigenes Auto zu haben, das ist für mich so selbstverständlich wie das Smartphone oder der Laptop. Aber warum eigentlich? Die Freude am Fahren, die Freiheit beim Reisen auf leeren Landstraßen - das sind nur Werbeillusionen auf die ich hereingefallen bin. Seit 14 Jahren wohne ich in Deutschlands zweitgrößter Stadt. Hier gibt es ein dichtes Busnetz, U-Bahnen und S-Bahnen. Selbst nachts sind Busse unterwegs. Hinzu kommen Hunderte Taxis. Etwa 2.000 Leihwagen stehen buchstäblich an jeder Ecke bereit. Und dazu auch noch Elektro-Scooter und ein Heer von Leihfahrrädern, die auf kurzen Strecken sogar kostenlos sind.

Warum ich trotzdem ein eigenes Auto habe? Auf dem Weg zur Arbeit wäre ich mit dem Fahrrad schneller. Und weil es immer mehr Autos gibt und die Suche nach einem Parkplatz immer aussichtsloser wird, habe ich vor einem Jahr einen Stellplatz gemietet. Der ist so teuer wie die Netzkarte für den Bus.

Meistens steht das Auto nur herum

Noch verrückter wird es außerhalb der Stadt. Alle paar Wochen besuche ich die Familie. Für die etwa 500 Kilometer habe ich schon mehr als acht Stunden gebraucht, weil einfach so viel Verkehr war. Aber - nun ja - ich habe ja den Wagen. Sicher, das ist eine ganz persönliche Sichtweise. Und jeder, der auf dem Land meilenweit vom nächsten Bahnhof entfernt lebt, wird gute Gründe haben für den eigenen Wagen. Genauso wie die Familie, die mit kleinen Kindern unterwegs ist. Aber in der Stadt? In den meisten Autos im Berufsverkehr sitzt nur der Fahrer. Und den weitaus größten Teil des Tages steht ein Auto einfach nur herum. Oft auf kostenlosen öffentlichen Flächen.

Mobilitätsforscher raten den Städten deshalb, Parkraum drastisch zu verteuern, genauso wie die Fahrt mit dem eigenen Wagen in die Innenstadt. Natürlich kann auch mehr getan werden, um Innenstädte für Radfahrer so sicher und attraktiv zu machen wie zum Beispiel Kopenhagen mit seinen Fahrrad-Autobahnen. Und auch Angebote wie MOIA und die vielen Car-Sharing-Dienste sind richtig und wichtig.

Warum nicht endlich umsteigen?

Aber all das wird nicht für Entlastung auf den Straßen sorgen, solange Autofahrer sich nicht langsam folgendes klarmachen - Autofahrer wie ich: Ich bin der Stau. Ich bin der derjenige, der sein Viertel im Blech ersticken lässt. Ich sorge für Lärm, Schmutz und Abgase. Ich bin Teil des Problems.

Dabei gibt es längst so viele Lösungen, die jeder kennt. Warum nicht auf kurzen Strecken das Rad nehmen? Warum nicht gemeinsam fahren, wo das möglich ist? Warum nicht sparsame Kleinwagen statt bulligem SUV? Warum nicht mieten und teilen, statt besitzen? Also: Warum nicht endlich umsteigen?

 

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NDR Info | Kommentar | 15.04.2019 | 17:08 Uhr