Stand: 09.08.2018 14:26 Uhr

Lehrermangel: Höherer Etat für Bildung zwingend

In vielen deutschen Bundesländern wird nach Ansicht von Experten der Lehrermangel weiter zunehmen. Der Präsident des Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, rechnet mit einer Verschärfung der Situation insbesondere in Ostdeutschland und in den Stadtstaaten. Zum Schuljahresbeginn schlagen Eltern und Pädagogen nun Alarm.

Ein Kommentar von Korinna Hennig, NDR Info

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Korinna Hennig fordert mehr Geld für Bildung und Gesundheit.

Es ist wie beim Pflegenotstand: Schüler und Lehrer in Deutschland werden Opfer einer im Grunde genommen infantilen Haltung in der Politik. Wie sich sehr kleine Kinder beim Versteckspielen schon mal die Augen zuhalten in dem Glauben: "Wen ich nicht sehe, der sieht mich auch nicht." So hat die Politik in Deutschland jahrzehntelang die Augen verschlossen vor einem Problem, von dem nun wirklich ausreichend dokumentiert ist, dass es nicht kleiner, sondern immer größer wird. Spricht man mit Lehrern darüber, haben die oft nur noch Sarkasmus übrig.

Eine unmittelbare Lösung gibt es nicht

Nun ist das Kind in den Brunnen gefallen, und Bildungspolitiker heute können nicht viel mehr tun, als Brände zu löschen - eine unmittelbare Lösung gibt es gar nicht, egal welcher parteipolitische Wille dahinter steht. Alle kurzfristigen Behelfsmaßnahmen schaffen neue Probleme: Gymnasiallehrer erfahren unmittelbar vor Schuljahresbeginn, dass sie an einer Hauptschule aushelfen sollen, wie in Niedersachsen. Schulen müssen auf Quer- und Seiteneinsteiger zurückgreifen, also zum Beispiel den Physiker, der nur einen Schnellkurs in Pädagogik absolviert hat, wie vielfach im Hamburger Umland. Dabei weiß man längst, dass eine gute Schulzeit viel weniger vom ideologisch hart umkämpften System abhängt, sondern vom Talent, der Qualifikation und dem Engagement jedes einzelnen Lehrers.

Es ist langsam wirklich ermüdend, wie Bildungsfachleute, Eltern- und Lehrerverbände auf die Politik einreden müssen wie auf ein lahmes Pferd, mit den immer gleichen mittlerweile fast banalen Erkenntnissen. Alle Grundvoraussetzungen für die Krise waren absehbar - weil entweder statistisch vorhergesagt oder hausgemacht. Frei nach dem berühmten Satz des Fußballers Jürgen Wegmann: Erst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu.

Der nächste Mühlstein rollt schon

Die insgesamt steigende Geburtenrate und die vielen Flüchtlingskinder kamen nicht wie Kai aus der Kiste, vor allem aber: Wer aus politischen Gründen Ganztagsschule und Inklusion mit der Brechstange durchsetzen will, statt erst einmal die Voraussetzungen dafür zu schaffen, muss sich nicht wundern. Es ist ein sich selbst bestätigendes System: Lehrern wird immer mehr aufgebürdet, von Politikern und von Eltern, begleitet von ausdauerndem Gejammer über die Mangelerscheinungen. Und der nächste Mühlstein rollt schon, denn alle Welt betet das Mantra von der Digitalisierung in der Schule herunter.

Solange Lehrer das alles aber ohne Ausgleich stemmen müssen, erstaunt es nicht, wenn zwei Drittel vorzeitig in den Ruhestand gehen und viel zu wenig Menschen den Beruf attraktiv finden. 35.000 Grundschullehrer fehlen laut Bertelsmann-Studie in den nächsten sieben Jahren.

Die norddeutschen Kultusminister machen gar nicht mal den schlechtesten Job, wenn es um kurzfristige Maßnahmen geht, auch wenn sie unpopulär sind - sie haben schlicht keine andere Wahl. Dass das Problem aber an der Wurzel gepackt und im Großen angegangen wird, ist so noch immer nicht erkennbar. Dabei sind auch die langfristigen Stellschrauben längst hundertfach benannt worden. Grund- und Hauptschulschullehrer müssen das gleiche Gehalt bekommen wie Gymnasiallehrer, sonst macht den Job bald keiner mehr, und auch bei Bewerbungsverfahren zum Schulleiter dürfen sie nicht durch unsinnige Paragrafen benachteiligt werden. Zeitverträge müssen umgewandelt werden in Festanstellungen, denn nicht zuletzt: Ein System, das nur aufs Lückenstopfen aus ist und keine Vertretungsreserven für Krankheit und Urlaub vorhält, kalkuliert weiter mit überlasteten, ausgebrannten Lehrern, die früher in Ruhestand gehen müssen - und mit schlechter ausgebildeten Schülern. Perpetuum mobile.

Auch Bürger sind gefragt

Karin Prien, die Bildungsministerin in Schleswig-Holstein, hat sich immerhin festgelegt: Die höhere Besoldung von Grundschullehrern soll in zwei Jahren angegangen werden. Wenn das mal nicht wieder zu spät ist. Vielleicht sind auch die Bürger selbst, die Wähler, gefragt. Sie müssen jetzt und nicht erst morgen einen Politikwechsel einfordern. Statt weiter den Bedürfnissen großer Konzerne hinterher zu laufen, müssen die Menschen endlich wieder im Mittelpunkt stehen - Schüler, Lehrer, Kranke, Familien. Ein deutlich höherer Etat für Bildung und Gesundheit ist zwingend. Und das ist schlicht eine Frage der Umschichtung.

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NDR Info | Kommentar | 09.08.2018 | 17:08 Uhr