Stand: 18.09.2019 15:50 Uhr

Wer arm ist, kann nicht warten

Die Tafeln in Deutschland melden einen starken Kundenzuwachs. Die Zahl der Menschen, die dort etwa regelmäßig gespendete Lebensmittel beziehen, sei innerhalb eines Jahres stark gestiegen, sagte der Vorsitzende des Vereins Tafel Deutschland, Jochen Brühl, am Mittwoch. Als "besonders dramatisch" bezeichnete er einen 20-prozentigen Anstieg bei der Gruppe der Senioren. Diese gingen wegen niedriger Renten oder Grundsicherung im Alter zur Tafel.

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Petra Lehnert meint, die Parteien müssten für mehr soziale Gerechtigkeit im Land sorgen.

"Die größte Gefahr besteht für mich darin, dass sich eine Art Blindheit durchsetzt, dass wir dort wegschauen, wo es nötig wäre zu handeln." Das schrieb der Soziologe Stefan Selke vor sechs Jahren in seinem Buch "Schamland". Es war ein eindringlicher Appell an die Politik, den Kampf gegen Armut nicht an Hilfsorganisationen zu delegieren - wie etwa Suppenküchen oder Kleiderkammern. Vergebens. Das lässt sich an den Zahlen ablesen, die der Dachverband der Tafeln heute veröffentlicht hat. Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Menschen, die auf das Angebot der Hilfsorganisation zurückgreifen müssen, um zehn Prozent gestiegen - auf 1,65 Millionen, darunter etwa eine halbe Million Kinder.

Armut ist nicht nur ein materielles Problem

Im reichen Deutschland müssen Kinder öffentlich anstehen, um satt zu werden. Wer das nicht wahrhaben will, wird schnell die Verantwortung auf die Eltern abschieben. Aber Armut ist nicht nur ein materielles Problem. Sie bringt Familien an den Rand ihrer Kräfte und Möglichkeiten.

Den meisten Menschen kostet es Überwindung, sich selbst als arm zu bezeichnen, die kostenlosen Lebensmittel-Angebote anzunehmen. Das gilt vor allem für ältere Mitbürger. Es sei dramatisch, dass die Tafeln den größten Zuwachs bei Senioren verzeichnen, warnt der Verband der Tafeln. Altersarmut werde die Gesellschaft in einer Wucht überrollen, wie es heute der Klimawandel tut.

tagesschau.de
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Deutlich mehr Rentner bei Tafeln

Immer mehr Menschen nutzen die Tafeln. Vor allem bei Rentnern ist die Nachfrage nach gespendeten Lebensmitteln enorm gestiegen. Die Tafeln machen dafür die Altersarmut verantwortlich. extern

Die Angst vor dem sozialen Abstieg

All das sind keine neuen Erkenntnisse. Experten mahnen seit Langem, dass sich die Einkommens-Schere zwischen Arm und Reich immer weiter öffnet. Menschen verlieren das Vertrauen in die sozialen Sicherungssysteme. Die Angst vor Krankheit, Alter und dem sozialen Abstieg nimmt zu. Wenn diese Entwicklung nicht gestoppt wird, rührt sie an den Grundfesten der Demokratie, denn sie gibt Populisten und Demagogen Auftrieb.

Organisationen wie die Tafeln lindern das schlimmste Elend. Sie können nur Symptome kurieren, während sich die Krankheit weiter ausbreitet. Wäre also wirklich etwas gewonnen, wenn die Tafeln noch mehr Menschen versorgen könnten? Es fehlt an ehrenamtlichen Helfern und Geld für Kühlwagen. Als Nothilfe sollten die Tafeln jede Form der Unterstützung bekommen. Solidarität mit den Schwachen ist eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft.

Was tun die Parteien konkret?

Doch es ist und bleibt Aufgabe der Politik, den Bürgern soziale Sicherheit und ein Leben in Würde zu ermöglichen. Dieser Aussage würde zwar kein Bundestagsabgeordneter widersprechen. Doch die Parteien müssen sich fragen lassen, was sie konkret tun, um das Ziel zu erreichen. Mit welchen Maßnahmen wollen sie mehr soziale Gerechtigkeit spürbar durchsetzen? Eine umfassende Steuerreform, die Einkommen und Vermögen umverteilt ist nicht in Sicht. Selbst die oft versprochene Grundrente hängt fest im Streit um die Bedürftigkeitsprüfung.

Wer arm ist, kann aber nicht warten. Die wachsende Nachfrage nach dem Angebot der Tafeln ist ein Alarmsignal.

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NDR Info | Kommentar | 17.09.2019 | 17:08 Uhr