Stand: 11.06.2019 17:47 Uhr

"Schluss mit Pfennigfuchserei der Jugendämter"

In Deutschland gibt es immer mehr Pflegekinder, also Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können, sondern in Heimen oder in Ersatzfamilien. Dabei haben sie also ohnehin schon einen härteren Start ins Leben. Wer jobbt oder eine Ausbildung macht, muss davon 75 Prozent ans Jugendamt abgeben. Nur langsam kommt Bewegung in die Debatte um die Abgabe. SPD, Grüne und Linke wollen sie streichen, die Union will sie nur senken und den Freibetrag erhöhen. Welches Signal geht davon aus? Was macht das mit den jungen Erwachsenen, die zum Beispiel auch weniger ansparen können für die erste eigenen Wohnung ?

Ein Kommentar von Michael Latz, NDR Info

Bild vergrößern
Michael Latz sieht die Jugendämter in der Pflicht, Pflegekindern den Weg in die Selbstständigkeit zu erleichtern - nicht zu verbauen.

Stellen Sie sich vor, Ihre Tochter oder Ihr Sohn beginnt eine Ausbildung. Die Schule ist vorbei - nun lernt der Nachwuchs, für sich selbst zu sorgen. Und als stolze Eltern präsentieren Sie Ihren Kindern nun eine Rechnung: für Unterkunft und Verpflegung. Schließlich wohnen die erwachsenen Kinder ja noch eine Weile im Elternhaus. Das mag in manchen Familien passieren, die Regel aber ist es längst nicht mehr. Statt Kostgeld zu kassieren, sind die Eltern nicht selten die private Hausbank, die den Start in die Selbstständigkeit flankiert.

Jugendämter bitten ausgerechnet die Jugendlichen zur Kasse

Ganz anders ist die Situation für Jugendliche und junge Erwachsene in Pflegefamilien oder Heimen. Sie bekommen tatsächlich eine Art Rechnung - vom Jugendamt. Sobald sie eigenes Geld verdienen - ob nun bei einem Ferienjob oder in der Ausbildung - verlangt das Amt, dass sie sich an den Kosten für ihre Unterbringung beteiligen. Knapp 1.000 Euro pro Monat kostet es zum Beispiel, wenn ein Jugendlicher in einer Pflegefamilie aufwächst. Davon werden Miete, Essen und Kleidung bezahlt und auch eine Aufwandsentschädigung für die Pflegeeltern. Und für diese Ausgaben nehmen die Jugendämter ausgerechnet die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in die Pflicht.

Zukunftsträume werden zerstört

Bis zu 75 Prozent des Selbstverdienten können die Jugendämter einkassieren. Eine fatale Rechnung. In einer entscheidenden Lebensphase, in der berufliche Weichen gestellt werden, in der die jungen Erwachsenen ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen wollen, werfen ihnen die Ämter Knüppel zwischen die Beine. Das erste WG-Zimmer? Den Führerschein machen? Das funktioniert kaum, wenn das selbstverdiente Geld gerade mal für das Busticket und das Handy reicht. Zukunftsträume werden zerstört, wo sie eigentlich wachsen sollten.

Jugendämter fördern langfristig Abhängigkeit vom Sozialsystem

Bei manchen Betroffenen ist der Frust über die Rechenspiele der Ämter sogar so groß, dass sie ihre Ausbildung gar nicht erst beginnen oder sie abbrechen wollen. Damit fördern die Jugendämter das Gegenteil von dem, was sie eigentlich erreichen wollten. Nämlich eine langfristige Abhängigkeit vom Sozialsystem statt Selbständigkeit.

Pflegekinder werden so Sündenböcken gemacht

Mehr noch: Da geben sich Pflegeeltern jahrelang alle Mühe, um Kindern und Jugendlichen aus schwierigen Familienverhältnissen ein neues Zuhause zu geben und sie unbefangen von allem Ballast ihrer leiblichen Eltern aufwachsen zu lassen, und dann kommt von Amtswegen ein Bescheid daher, der den Betroffenen eben diesen familiären Hintergrund anlastet. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen sollen dafür gerade stehen, dass ihre leiblichen Eltern mit der Erziehung überfordert waren.

Zweifel an Sinnhaftigkeit der Gesetzeslage mehren sich

Immerhin: Das Problem ist inzwischen an den entscheidenden Stellen angekommen. Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Landesjugendämter fragt sich inzwischen, ob es überhaupt lohnt, das Geld in aufwendigen Berechnungen einzutreiben. Selbst bei den Bundestagsfraktionen setzt sich mehr und mehr die Überzeugung durch, dass die Kostenbeteiligung von 75 Prozent überholt ist. Und auch die Länder drängen auf eine Änderung.

Verantwortung der Jugendämter kann man nicht in Rechnung stellen

Meiner Meinung nach gibt es nur eine Lösung: Schluss mit der Pfennigfuchserei. Die Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben es sich nicht ausgesucht, in einem Heim oder einer Pflegefamilie aufzuwachsen. Diese Entscheidung haben meist Ämter getroffen - aus vielen unterschiedlichen Gründen, aber immer zum Wohl der Kinder und Jugendlichen. Damit haben sie eine Verantwortung übernommen. Und diese Verantwortung kann man nicht einfach in Rechnung stellen. Ein erfolgreicher Start ins eigene Leben sollte alle Mühen wert sein.

Weitere Informationen

Jugendamt bremst Pflegekinder finanziell aus

Jugendliche aus Pflegefamilien oder betreutem Wohnen müssen 75 Prozent ihres selbst verdienten Geldes an die Jugendämter abgeben. Die entsprechenden Gesetze sind umstritten. mehr

08:26

Pflege- und Heimkinder müssen zahlen

Jugendliche aus Pflegefamilien, aus betreuten Wohngruppen oder Heimen stehen beim Start ins eigene Leben vor ganz besonderen Problemen. Das Jugendamt wird zum Bremsklotz. Audio (08:26 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 11.06.2019 | 17:08 Uhr