Stand: 15.02.2019 15:18 Uhr

Können wir der Wissenschaft noch trauen?

Welche Rolle spielt die Wissenschaft derzeit im politischen Alltag? Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung werden für kurzfristige politische Erfolge gebraucht oder auch missbraucht. Und Wissenschaftler selber gehen mit ihren Ergebnissen nicht immer seriös um. Letztes Beispiel: Die Lungenärzte, die einen Fehler bei ihren Berechnungen zu den Stickoxid-Grenzwerten einräumen mussten, aber trotzdem bei ihrer Meinung bleiben, dass diese Grenzwerte Unsinn sind.

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Hendrik Brandt, Chefredakteur der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung"

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Zur Forschung gehört auch immer die kluge Kommunikation ihrer Ergebnisse, meint "HAZ"-Chefredakteur Hendrik Brandt.

Atmen sie ruhig? Dann ist es gut. Man weiß ja heute nicht mehr so recht, ob man sich das noch leisten kann. Also: gesundheitlich. Was derzeit an Ansichten, vermeintlichen oder tatsächlichen Fakten zur Qualität unserer Luft durch alle möglichen Kanäle schwirrt, ist kaum noch überblicken. Geschweige denn zu verstehen. Hier gibt es Wissenschaftler, die Begründungen für seit Jahren geltende Schadstoffgrenzwerte liefern, dort gibt es Ärzte, die genau die für kompletten Unsinn halten - und neben ihnen stehen seit dieser Woche weitere Fachleute, die nun wiederum den Ärzten nachweisen, dass sie nicht richtig rechnen können.

Fakten versus Talkshow-Thesen

Kommen Sie da noch mit? Wer tief im Wissenschaftsbetrieb zu Hause ist, wird diese Beschreibung der aktuellen Diskussion um feine Stäube und Stickoxide in unserer Atemluft für eine üble Karikatur halten. Es sei doch völlig klar, so heißt in Kreisen der Naturwissenschaftler, dass die über Jahre hinweg sorgsam bewerteten Erkenntnisse internationaler Forscher nicht durch kühne Talkshow-Thesen einiger Lungenärzte auszuhebeln seien. Das sei doch alles nicht der Rede wert. Mag sein. Warum aber tobt dann über Wochen hinweg eine hitzige Diskussion, in der wahr und falsch immer weniger von Fakten und öfter von bloßen Ansichten bestimmt werden?

In der Lobbyisten aller Seiten sich so oder so bestätigt sehen - und Politiker jeder Farbgebung sich munter immer die Sätze heraussuchen können, die zu ihrer längst fixierten Position passen? Ganz einfach: Weil viele Wissenschaftler einen wichtigen Teil ihres Jobs nicht machen. Sie lassen zu, dass ihre Erkenntnisse übergangen, absichtsvoll missverstanden oder politisch ausgeschlachtet werden. Sie haben nicht verstanden, dass zur Forschung immer auch die kluge Kommunikation ihrer Ergebnisse gehört. Und dass diese Vermittlung von Erkenntnis in der digital vernetzten Gesellschaft völlig anderen Bedingungen unterliegt als einst in der Welt des Papiers oder des Röhrenradios.

Steile Erregungskurven in der alltäglichen Kommunikation

Die Luft-Debatte zeigt dies eindrucksvoll. Eine ganze Woche lang konnte der Lungenfacharzt Dieter Köhler seinen Kreuzzug gegen die Grenzwerte für Luftschadstoffe zelebrieren, bis sich das in Deutschland in diesem Bereich federführende Helmholtz-Institut in München eher kleinlaut zu Wort meldete. Es sei schon klar, hieß es dort, dass "eine fast einwöchige Wartezeit in der heutigen Medienlage eine lange Zeit ist", aber es habe halt gedauert. Da war der Talk-Show-Zug lange abgefahren. Und bei vielen Menschen verdichtete sich das Gefühl, im Bereich der Grenzwerte von finsteren Mächten hinters Licht geführt worden zu sein. Und, hätten denn die Medien nicht warten können? Man kann die Frage stellen, aber eben auch die Uhren nicht zurückdrehen. Unsere alltägliche Kommunikation ist bei manchen Themen nun einmal längst von steilen Erregungskurven geprägt.

Wann immer in Deutschland etwa übers Auto gesprochen wird, ist das unübersehbar. Hinzu kommt: Wo es einst Massenmedien gab, haben wir heute eine Masse Medien. Wer da nicht schnell ist, wer es nicht versteht, verständlich mitzusprechen, hat kaum noch eine Chance auf Gehör. Übrigens oft auch nicht in der Politik. Lässt die Wissenschaft uns hier also im Stich? Ja und nein. Es bleibt ja das Wesen echter Forschung, dass sie ihren Fortschritt auf Versuch und Irrtum und vor allem den Dialog darüber gründet. Das sind nicht selten langwierige Prozesse, die zu allem taugen - nur nicht zu Instant-Antworten auf Alltagsfragen.

Es ist Zeit, neue Wege zu gehen

Hinzu kommt: Die eine Wissenschaft gibt es natürlich nicht - zwischen Experimentalphysik und feministischer Linguistik liegen in jeder Hinsicht Welten. Und, sicher: Es gibt Forschungseinrichtungen und sogar einige Universitäten, die es ganz gut verstehen, ihre Arbeit zu präsentieren. Das allerdings dient in der Regel nicht kluger Politikberatung oder einer aktuellen öffentlichen Diskussion, sondern der Selbstdarstellung. Was bleibt auch übrig, wenn Forscher wesentliche Teile ihre Budgets selbst einwerben müssen und danach sogar bewertet werden?

Im Ganzen aber ist klar: Wenn Wissenschaftler den Alltagsumgang mit Fakten mitbestimmen wollen - und das wäre ja wohl zu wünschen -, dann kann es nicht weitergehen wie bisher. Noch vertrauen 54 Prozent der Deutschen den Forschern im Land, nur noch 40 Prozent sind sich indes sicher, dass sie auch zum Wohl der Gesellschaft arbeiten. Wäre ich Universitätspräsident oder -präsidentin, würden mich solche Zahlen beunruhigen. Statt nun also im Bereich der Wissenschaftskommunikaktion in Hinterzimmern mit Beschäftigten auf Halb- und Viertelstellen weiter vor sich hinzulaborieren, wäre es für Unis und Institute an der Zeit, ganz neue Wege zu gehen. Zum Beispiel zusammen.

Universitätsübergreifende Wissensdatenbanken könnten helfen

Auch hier könnte die Digitalisierung einen gewaltigen Schritt nach vorn bringen. Wie wäre es etwa mit zentralen, universitätsübergreifenden Wissensdatenbanken, in denen bei Bedarf schnell zu klären wäre, wie der Stand der Erkenntnis für dieses oder jenes Spezialgebiet gerade ist? Wo binnen kurzer Zeit professionell aufbereitet zu erfahren wäre, was wir zu dieser oder jener Frage sicher sagen können, was noch eine Annahme ist - und auch, wo wir tatsächlich noch im Dunklen tappen? Sicher, diese Idee passt weder zur Bildungshoheit unserer Bundesländer noch zur Eifersucht der Forschungseinrichtungen untereinander. Aber sie wäre etwas für die Welt, in der wir leben. Da ist uns die öffentlich finanzierte Wissenschaft noch etwas schuldig.

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NDR Info | Kommentar | 17.02.2019 | 09:25 Uhr