Stand: 31.01.2019 16:15 Uhr

Nur keine Schuldgefühle einhämmern!

Bei einer Gedenkstunde im Bundestag für die Opfer des Nationalsozialismus hat der israelische Historiker und Holocaust-Überlebende Saul Friedländer die Deutschen vor Nationalismus gewarnt. Er rief sie auf, sich weiterhin für grundlegende Werte und Menschenrechte einzusetzen. "Wir alle hoffen, dass Sie die moralische Standfestigkeit besitzen, weiterhin für Toleranz und Inklusivität, Menschlichkeit und Freiheit, kurzum: für die wahre Demokratie zu kämpfen", sagte Friedländer am Donnerstag.

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NDR Info Redakteur Wolfgang Müller meint, eine lebendige Holocaust-Gedenkkultur sei auch möglich, wenn die Zeitzeugen nicht mehr leben.

Die Zeit vergeht, die Zeitzeugen sterben. Irgendwann werde man Bücher über die Hitlerzeit lesen wie heute über Cäsars Gallischen Krieg. So hat es einmal der Historiker Saul Friedländer formuliert, der jetzt im Bundestag sprach.

Schuld lässt sich nicht abtragen

Was also ist zu tun, wenn man findet, dass uns diese deutsche Katastrophe, auch mehr als zwei Generationen später, noch interessieren und bewegen sollte? Nicht weiterhelfen wird eine bloße Fortsetzung der heutigen Gedenkkultur nach der Vorstellung eines Linken-Politikers, der jetzt meinte, die Schuld sei "noch nicht abgetragen". Diese Schuld lässt sich nicht abtragen.

Sie lässt sich auch nicht abtragen, indem alle Schüler durch Gedenkstätten geschleift werden und indem man wachen, aufgeschlossenen Jugendlichen Schuldgefühle einhämmert. Mit dergleichen hölzerner Pädagogik erreicht man nichts, oder sogar das Gegenteil: Sie werden sich abwenden.

Geschichten sollten lebendig bleiben

Letztlich hängt alles daran, dass Geschichten lebendig bleiben. Und diese Geschichten können lebendig bleiben, auch wenn die Zeitzeugen nicht mehr leben. Zum Beispiel die Geschichte des Mannes, der als Redner im Bundestag eingeladen war: Saul Friedländer. Geboren wurde er "zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt", wie er sagt, kurz vor Hitlers Machtübernahme. Er war ein Kind deutschsprachiger Juden in Prag, so wie früher schon Franz Kafka.

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Der Historiker Saul Friedländer hat am Donnerstag beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag gesprochen.

Nach der deutschen Besetzung flohen die Friedländers nach Frankreich, und als auch Frankreich besetzt wurde, versuchten die Eltern, ihren Sohn zu schützen. Sie brachten ihn in einem katholischen Internat unter. Er wurde getauft und hieß jetzt zur Tarnung Paul-Henri Ferland. Auch die Eltern versuchten sich noch zu retten. An der Schweizer Grenze aber wurden sie abgewiesen und an die Franzosen ausgeliefert. Die wiederum kollaborierten mit den Deutschen. Die Eltern wurden nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Dies also ist der "Vogelschiss in über tausend Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte", wie es der AfD-Politiker Alexander Gauland nannte. Wer so rechnet, hat einfach wenig verstanden. Er hat nicht verstanden, dass uns diese Geschichte brennend interessieren kann, weil sie so viel erzählt, nicht nur über uns Deutsche, sondern weit darüber hinaus.

Wie kann es sein, dass Menschen, die nicht alle schlecht waren, politisch auf so falsche Wege kamen? Wie konnten damalige Jugendliche Feuer und Flamme sein für etwas, das heute so klar als unmenschlich erkennbar ist? Wie war das eigentlich, wenn der jüdische Klassenkamerad plötzlich nicht mehr da war? Und wie war es möglich, dass einige, wenige doch den ganzen Schleier aus Verblendung und Propaganda durchschauten? Man denke an die Geschwister Scholl.

Wir brauchen keine mechanische Gedenkkultur

Für diese Fragen wird man Jugendliche immer gewinnen können. Es sind politische und menschliche Grundfragen. Nur brauchen wir dafür keine mechanische Gedenkkultur, sondern Menschen, die diese Geschichten lebendig machen. Die wird es auch geben, wenn die Zeitzeugen nicht mehr leben.

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NDR Info | Kommentar | 31.01.2019 | 17:08 Uhr