Stand: 15.03.2019 15:20 Uhr

Großbritannien, das unvereinigte Königreich

Nach drei Abstimmungstagen in London ist jetzt klar: Das britische Parlament möchte den geplanten EU-Austritt Großbritanniens um mindestens drei Monate verschieben. Nach dem Willen von Premierministerin Theresa May soll die Europäische Union bis Ende Juni verlassen werden. Möglich wäre aber auch eine deutlich längere Verschiebung. Einer Fristverlängerung müssen alle übrigen EU-Staaten zustimmen. Dabei zeichnet sich noch keine einheitliche Linie ab.

Ein Kommentar von Jens-Peter Marquardt, ARD-Hörfunkstudio London

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Es wäre eigentlich an der Zeit, dass das britische Volk jetzt aufsteht und der politischen Elite die Rote Karte zeigt, meint Jens-Peter Marquardt.

Wenn man in diesen Tagen durch Großbritannien fährt, erlebt man ein zerrissenes Land. Der endlose Brexit-Streit treibt die Menschen auseinander. Viele Briten lähmt die Unsicherheit. Andere sind genervt und wollen nur noch, dass das Gezerre endlich ein Ende hat, egal wie.

Andere sind zornig, fühlen sich betrogen. Die Brexit-Anhänger, weil sie immer noch nicht das bekommen haben, wofür sie 2016 gestimmt haben. Die Brexit-Gegner, weil politische Hasardeure ihre Zukunft aufs Spiel setzen. Aufbruchstimmung? Fehlanzeige! Stattdessen das Gegenteil: Missmut und Unzufriedenheit.

 Aus einer politischen Spielerei wurde ein Chaos

Markus Ferber bei der Ankunft zum Treffen der CSU in der CSU Landesleitung in München.

Ferber: "Was wollen die Briten überhaupt?"

NDR Info - Aktuell -

413 Abgeordnete im britischen Unterhaus haben dafür gestimmt, den Brexit-Termin zu verschieben - auf den 30. Juni. Fragen dazu an den CSU-Europaabgeordneten Markus Ferber.

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Selbst die, die davor gewarnt hatten, dass der Brexit nicht einfach wird, konnten nicht ahnen, in welches Chaos die britischen Eliten und die britische Politik das Land stürzen. Gestartet war das Projekt "Austritt aus der EU" als politische Spielerei zwischen wohlsituierten Konservativen: David Cameron, Absolvent der elitären Privatschule Eton - umgeben und beraten von zahlreichen weiteren Ex-Etonians -, wollte eine kleine Minderheit von Brexiters und EU-Skeptikern unter den Tories ein für allemal ruhigstellen, die Jacob Rees-Moggs, Boris Johnsons - allesamt ebenfalls ehemalige Schüler des Elite-Internats.

May wird politisches Leben schwer bis unerträglich gemacht

Mit einem Referendum und der Erwartung, dass das Volk schon für den Verbleib in der EU stimmen werde, wollte Cameron seine innerparteilichen Rivalen ausbremsen. Das ging schief. Stattdessen triumphierten die Brexiters - und Cameron trat zurück. Um den Ex-Premier muss man sich allerdings keine Sorgen machen. Er war auf das Gehalt ohnehin nicht angewiesen, sitzt jetzt in der Gartenhütte seines Anwesens in den idyllischen Cotswolds und schreibt an seinen Memoiren.

Die anderen Etonians treiben aber weiter im Parlament ihr Unwesen, scheinen Spaß daran zu haben, ihrer Parteifreundin Theresa May das Leben schwer bis unerträglich zu machen. Wahrscheinlich, weil sie sie auch gar nicht ernst nehmen - May hat ja nur eine Grammar School besucht. Das, was als politisches Sandkastenspiel gut in den Debattierclub von Eton gepasst hätte, bestimmt jedenfalls jetzt komplett die britische Politik - und macht sie gleichzeitig zur Farce.

Die einfachen Bürger müssen es ausbaden

Ausbaden müssen es die einfachen Bürger, die, die Eton allenfalls von außen kennen. Die aus staatlichen Schulen kommen, in denen Lehrer inzwischen selber die Toiletten putzen müssen, weil die Konservativen die Schuletats zusammengestrichen haben. Die, die sich abgehängt von den politischen Eliten fühlen, in der englischen Provinz oder in den von Margaret Thatcher platt gemachten Industrierevieren.

Sie hatten für den Brexit gestimmt, in der falschen Annahme, dass es schlechter nicht mehr werden kann. Es kann aber schlechter werden, nicht für die Rees-Moggs, die ihren Investment-Fonds längst nach Irland transferiert haben, aber für die kleinen Leute, die Arbeiter in Sunderland zum Beispiel, der früheren stolzen Werften-Stadt im englischen Nordosten, die jetzt fast nur noch die Nissan-Autofabrik hat - eine Fabrik, die dichtmachen wird, wenn es zum harten Brexit kommt.

Die gesamte britische Politik hat versagt

Es wäre eigentlich an der Zeit, dass das britische Volk jetzt aufsteht. Der politischen Elite die Rote Karte zeigt. Doch das passiert nicht. Fährt man durch das Land, registriert man nicht einmal eine breite Anti-Brexit-Stimmung, nicht einmal großartigen Appetit auf ein neues Referendum, in dem das Volk seine Entscheidung für den Austritt aus der EU korrigieren könnte. Nur Missmut, Frust, bestenfalls Gleichmut.

Dass das so ist, hat viel mit dem Versagen auf der anderen Seite des politischen Spektrums zu tun, mit dem Versagen der linken Elite, dem Versagen des Alt-Sozialisten Jeremy Corbyn und seiner Labour Party.

Diese Woche hat es erneut gezeigt: Die gesamte britische Politik versagt. Die älteste Demokratie der Neuzeit ist in ihrer schwersten Krise seit dem Zweiten Weltkrieg.

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NDR Info | Kommentar | 15.03.2019 | 17:08 Uhr