Stand: 26.02.2015 16:55 Uhr

Genaues Hinsehen ist durch nichts zu ersetzen

Was sich der ehemalige Krankenpfleger Niels H. alles hat zuschulden kommen lassen, wird man vielleicht nie erfahren. Wenn sein Geständnis wahr ist, ist er einer der schlimmsten Mörder der Kriminalgeschichte in Deutschland. 30 Tötungen bei der Klinikarbeit hat er zugegeben, und viel mehr Tötungsversuche. Demnächst werden Leichen exhumiert. Die Polizei hat noch viele Verdachtsfälle aufzuklären. Im Prozess, der am Donnerstag in Oldenburg zuende ging, war er nur in fünf Fällen angeklagt. Wegen zweifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs wurde er zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

Ein Kommentar von Holger Ahäuser, Leiter des NDR Studios Oldenburg

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Holger Ahäuser fordert in seinem Kommentar eine offene Gesprächskultur am Arbeitsplatz Krankenhaus.

"Ein Mörder hat es nirgendwo so leicht wie im Krankenhaus." Das sagt Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz, und er hat Recht. Es gibt Schwerkranke und Sterbende. Es gibt komplizierte Behandlungen mit hochentwickelten Apparaten und Medikamenten. Es gibt eine enorme Belastung für Ärzte und Pflegekräfte, die hilflosen Patienten nahekommen und oft mit ihnen allein sind. Ohnehin schon ein guter Rahmen für jemanden, der Kranke töten will.

Wenn zum Klinikalltag aber noch schlechte Organisation, Schlamperei und Desinteresse hinzukommen, kann es richtig gefährlich werden. Genau dieses Problem hat der Prozess gegen den Delmenhorster Krankenpfleger Niels H. zu Tage gefördert. Und genau dieses Problem ist - über den schrecklichen Einzelfall hinaus - das grundsätzlich Bedrückende, auch noch nach dem Urteil.  

Da steigt die Zahl der Toten auf einer Intensivstation dramatisch an, über zwei Jahre gibt es doppelt so viele wie sonst. Niemandem fällt etwas auf. Da steigt im gleichen Zeitraum der Verbrauch eines Herzmedikaments um das Sechs- bis Siebenfache. Niemand bemerkt etwas. Da wird über einen Pfleger im Kollegenkreis getuschelt, weil er bei plötzlich notwendigen Reanimationen auffällig oft ganz vorn dabei ist. "Rettungs-Rambo" ist sein Spitzname, viele arbeiten nicht gern mit ihm. Niemand spricht Klartext, niemand geht Verdachtsmomenten energisch nach. Der Pfleger wird bei vollen Bezügen freigestellt, mit gutem Zeugnis elegant weggelobt.

All das kann nie wieder und nirgendwo anders passieren? Ja, vielleicht sind viele Kliniken besser aufgestellt. Und nein, sicher treibt nicht in jeder dritten Klinik ein Killer in Weiß unerkannt sein Unwesen. Aber ein spezieller Einzelfall, den der eine oder andere Krankenhausvertreter verkaufen möchte, ist Niels H. eben auch nicht: Patientenmorde dieser Art kommen selten vor - aber sie kommen regelmäßig vor, das zeigen diverse wissenschaftliche Untersuchungen. Und immer sind sie durch mangelnde Kontrollen und Aufmerksamkeit begünstigt.

Was also tun? Viele richtige Ansätze sind in der Diskussion oder schon umgesetzt, auch angestoßen durch den Fall Niels H. Whistleblow-Systeme für Kliniken - eine Art Alarmanlage also, die Mitarbeiter über anonyme Verdachtshinweise in Betrieb setzen können und auf die auch zuverlässig reagiert wird. Hauptamtliche Patientenbeauftragte, besserer gesetzlicher Patientenschutz. Genauere Melde- und Kontrollsysteme für Medikamentenverbrauch und -bestellung. Leichenschau in den Krankenhäusern nur noch durch speziell dafür ausgebildete Ärzte.

Eines aber - das Wichtigste - kann man nicht beschließen und verordnen, man muss es leben: eine offene Gesprächskultur am Arbeitsplatz Krankenhaus. Eine vertrauensvolle Atmosphäre zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten, in der regelmäßig geredet werden darf und muss, auch über Unangenehmes, Merkwürdiges und Auffälliges. Ein Klima, in dem die Kollegen hinsehen, aufeinander und auf die Patienten achten. Denn, so sagt die Stiftung Patientenschutz wieder zu Recht: "Der beste Kommissar auf der Station ist das Team."

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NDR Info | Kommentar | 26.02.2015 | 17:08 Uhr