Stand: 18.07.2019 18:08 Uhr

F-35 vs. S-400: Die Türkei hat sich verzockt

Die USA haben die Türkei endgültig aus dem Programm für den Bau des Kampfjets F-35 gestrichen. Das Weiße Haus teilte mit, die Entscheidung der Türkei, das russische Raketenabwehrsystem S-400 zu kaufen, mache es unmöglich, dass das Land Teil des F-35-Programms bleibe. Die Kampfjets könnten nicht neben einem Spionageinstrument aus Russland eingesetzt werden, das dazu genutzt werde, mehr über die Fähigkeiten der Flugzeuge zu erfahren. Das türkische Außenministerium kritisierte die Entscheidung.

Ein Kommentar von Michael Lehmann, Korrespondent im ARD-Studio Istanbul

Bild vergrößern
Der Kampfjet F-35 hätte den Türken vermutlich mehr genützt als das Raketenabwehrsystem, meint Michael Lehmann.

Mit so einer politischen Breitseite hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan offensichtlich nicht gerechnet: Der Rauswurf der Türkei aus dem F-35-Programm scheint außer ihm gleich die gesamte Führung der Türkei in Schockstarre versetzt zu haben. Weder Erdogan noch sein Außenminister oder ein anderer der ansonsten wenig kamerascheuen Spitzen-AKPler äußerten sich vor Kameras oder Mikrofonen. Lediglich eine schriftliche Stellungnahme gab das Außenministerium heraus. Darin wird der Ausschluss aus dem F-35-Programm als "nicht nachvollziehbar und unfair" bezeichnet. Und interessanterweise fällt der Satz, "dieser Schritt widerspricht dem Geist des Bündnisses".

Wollte die Türkei die NATO vorführen?

Der Satz ist nicht neu. Er war mehrfach von den USA und anderen NATO-Partnern zu hören, als die Türken ankündigten, das russische Raketenabwehrsystem S-400 zu kaufen. Der Geist des Bündnisses war Erdogan und Co. damals ziemlich egal.

Im Gegenteil: Man konnte den Eindruck haben, die Türkei kokettiere damit, Waffen beim potenziellen Feind zu kaufen und die NATO damit vorzuführen. Gerechtfertigt wurde das mit dem Hinweis, man habe ja das amerikanische Patriot-System kaufen wollen, aber es nicht bekommen. Das amerikanische Verteidungsministerium bezeichnete diese Version inzwischen als falsch.

Falsche Darstellung Erdogans

Ebenso falsch war Erdogans Darstellung während des G20-Gipfels im Juni, US-Präsident Donald Trump habe Sanktionen wegen der S-400 ausgeschlossen. Mit aller Vehemenz hatte er versucht, das der Welt, aber vor allem der eigenen Bevölkerung weiszumachen. In Wirklichkeit hatte Trump auf die Frage nach Sanktionen gesagt: Wir denken darüber nach.

Dabei hätte er nicht mal denken müssen. Ein US-Gesetz sieht ganz eindeutig Sanktionen vor, wenn es um Geschäfte mit der russischen Rüstungsindustrie geht. Keine Frage spielt dabei übrigens, ob die S-400 tatsächlich die Technik der F-35-Tarnkappenbomber ausspionieren können oder nicht.

Türkei entgehen milliardenschwere Geschäfte

Mit dem Kauf der S-400 hat sich Erdogan gründlich verzockt. Immerhin ist beziehungsweise war die Türkei nicht nur Besteller von mehr als 100 F-35-Jets, sondern auch Mitentwickler und Lieferant von immerhin etwa 900 Bauteilen. Über die Gesamtdauer des Projekts werden nun der Türkei - amerikanischen Schätzungen zufolge - Geschäfte in Höhe von neun Milliarden US-Dollar entgehen.

Dabei hätte der Kampfjet den Türken vermutlich mehr genützt als das Raketenabwehrsystem, bei dem sich selbst Experten fragen, wo es sinnvollerweise stationiert werden soll.

Einen Schritt vom Westen abgerückt

Die Türkei ist mit dem Kauf der S-400 einen Schritt vom Westen abgerückt. Der Rauswurf aus dem F-35-Programm treibt Ankara möglicherweise noch weiter Richtung Russland. Von dort kam bereits das Angebot, die Türkei möge statt der F-35 doch einfach russische Jets kaufen. 

Es ist zu befürchten, dass man im Präsidentenpalast in Ankara ernsthaft darüber nachdenkt. Vielleicht ist das der Grund, warum von Erdogan und Co. nichts zu sehen und zu hören ist.

Tagesschau.de
Link

USA werfen Türkei aus F-35-Programm

Wegen des Kaufs eines russischen Raketenabwehrsystems haben die USA beschlossen, die Türkei aus dem F-35-Kampfjet-Programm auszuschließen. Mehr bei tagesschau.de. extern

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentar | 18.07.2019 | 18:30 Uhr