Stand: 08.03.2019 14:25 Uhr

E-Mobilität: Wer will Bedenkenträger sein?

Elektro-Mobilität ist das beherrschende Thema des Genfer Autosalons in diesen Tagen. Der Verbrennungsmotor war gestern, könnte man meinen, wenn man die leistungsstarken E-Mobile sieht, die in Genf präsentiert werden. Ob der Umwelt damit geholfen ist, ist fraglich.

Der NDR Info Wochenkommentar "Die Meinung" von Stephan Richter, freier Autor

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Erlebt des Deutschen liebstes Kind durch die Elektromobilität eine Wiedergeburt der Begeisterung? Stephan Richter kommentiert.

Was dem Staat mit seiner Kaufprämie für Elektroautos nicht gelang, könnte jetzt den Autobauern mit hochglänzenden, futuristisch gestylten Modellen glücken. E-Mobile wurden auf dem Genfer Autosalon im wahrsten Sinne des Wortes salonfähig gemacht. Selbst eingefleischte Mobilisten, die mit dem Verbrennungsmotor groß geworden sind, werfen zunehmend einen Blick auf die elektrische Konkurrenz.

So etwas nennt man im Marketing-Deutsch Bedürfnisweckung und Konsumorientierung. Nicht nur das attraktive Design zählt. Käufern wird zugleich das beruhigende Gefühl vermittelt, etwas für die Rettung des Klimas zu tun.

Statussymbol Auto?

So erlebt das Auto als Spaßfaktor und Statussymbol womöglich eine Wiedergeburt. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, da wurde von seinen Gegnern der Rückbau der Straßen gefordert oder die Verbannung aus den Städten. Weniger Individualverkehr, stattdessen mehr Busse und Bahnen, lautete die Devise. Bei jungen Menschen rangierte plötzlich nicht mehr das eigene Auto, sondern das eigene Smartphone an erster Stelle aller materiellen Wünsche.

Und jetzt? Da bekommen viele leuchtende Augen, wenn in Genf die mit Elektronik vollgepackten Autos der Zukunft präsentiert werden. Die Technik darin, so schwärmte ein Spitzenvertreter von VW, sei mit der einer "bemannten Mission zum Mars" vergleichbar. Springt der Funke der Faszination auf die Verbraucher über? Gut möglich.

Die lange Suche nach einem Parkplatz

Vergessen wird, dass die Auto-Begeisterung nicht nur deshalb infrage gestellt wurde, weil Wagen mit Diesel- oder Benzinmotor klimaschädliches CO2 ausstoßen und die Luft mit Feinstaub verpesten. Des Deutschen liebstes Kind geriet auch deshalb in Verruf, weil die Ballungsgebiete mit Blechlawinen verstopft werden.

Immer mehr städtische Fläche, die wunderbar für neue Wohnungen oder Spielplätze geeignet wäre, wird für Stellplätze benötigt. Laut einer Studie verbringen Autofahrer in deutschen Städten durchschnittlich 41 Stunden pro Jahr mit der Suche nach einem Parkplatz. Hinzu kommt unendliche Zeit im Stau.

Carsharing versus Individualität und Freiheit

Um solchen kritischen Diskussionen beim Eintritt in die neue E-Mobilität-Wunderwelt einen Riegel vorzuschieben, wird in einem Atemzug mit dem Elektroauto das Carsharing genannt. Die Idee, sich mit anderen ein Auto zu teilen, hat in den zu Ende gehenden Zeiten des Verbrennungsmotors wenig gefruchtet. Mit dem eigenen Wagen wird Individualität und Freiheit verbunden. Warum sich dieses Verhalten mit der Antriebsart des Fahrzeugs ändern soll, bleibt ein Geheimnis.

Ein Unterschied zu den Besitzern PS-starker Boliden mit stinkendem Verbrennungsmotor liegt dagegen auf der Hand. Elektroauto-Fahrer haben die Sympathien auf ihrer Seite. E-Mobilität lässt sich vorzeigen - und zwar in jeder Variante. Das gilt auch für Schülerinnen und Schüler, sollten sie zur nächsten "Fridaysforfuture"- Demo nicht mit dem Fahrrad kommen, sondern mit Elektro-Tretrollern. Alles öko, alles gut, suggeriert der Akku.

Dabei ist die Frage, ob der Strom aus den noch viel zu wenigen E-Ladesäulen wirklich aus erneuerbarer Energie stammt, offen. Was, wenn bis zum Kohleausstieg 2038 einmal nicht der Wind weht und die Sonne scheint? Dann müssen Millionen Elektroautos mit Strom aus Kohle- oder Gaskraftwerken versorgt werden. Umweltfreundlich ist das nicht. Offen ist auch die Frage, wie sich der immens wachsende Strombedarf auf den Strompreis auswirkt. Er liegt bereits heute in Deutschland auf Rekordhöhe.

E-Mobilität könnte Zukunftsidee vergessen lassen

Offene Fragen, die lieber nicht gestellt werden. Wer will schon Bedenkenträger sein, wenn die Produktion von E-Autos nun auch in Deutschland endlich Fahrt aufnimmt? Es geht dabei schließlich auch um die Wettbewerbsfähigkeit einer deutschen Schlüsselindustrie. Wie am Ende die Öko-Bilanz von Elektro-Autos tatsächlich aussieht und was die Entsorgung alter Akkus an neuen Umweltbelastungen mit sich bringt, klären wir später.

Noch sind die Modelle, die die Autobauer in Genf präsentierten, nicht auf dem Markt. Aber die Vorbestellungen von Privatkunden steigen, berichten die Aussteller. Die Tür zu einem neuen Wachstumsmarkt öffnet sich.

Das erinnert an die Energiewende. Seit reichlich Strom aus erneuerbaren Energien fließt, spricht kaum noch einer vom Stromsparen. Auch die E-Mobilität könnte die Zukunftsidee vergessen lassen, auf einen eigenen Wagen zu verzichten und auf öffentliche Verkehrsmittel oder das Gemeinschaftsauto umzusteigen.

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NDR Info | Kommentar | 10.03.2019 | 09:25 Uhr