Stand: 23.01.2019 17:00 Uhr

Debatte um Abgas-Grenzwerte verrennt sich

Nach etlichen Lungenärzten hat jetzt auch der ADAC Kritik an den geltenden Feinstaub- und Stickoxid-Grenzwerten geäußert. Die EU-Kommission müsse die Vorgaben für den Straßenverkehr auf den Prüfstand stellen, sagte der Vizepräsident des Automobilclubs, Becker. Die Bürger sollten sich darauf verlassen können, dass die Grenzwerte wissenschaftlich fundiert seien. Auch Bundesverkehrsminister Scheuer begrüßte die Initiative der Ärzte. Mehr als 100 Mediziner hatten erklärt, es gebe keine wissenschaftliche Begründung für die aktuellen Grenzwerte und deren gesundheitlichen Nutzen. Viele Studien hätten erhebliche methodische Schwächen.

Ein Kommentar von Jürgen Webermann, NDR Info

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Die Beharrungskräfte in Deutschland sind immens, findet Jürgen Webermann.

Vorab: Ich bin natürlich kein Lungenfacharzt. Und trotzdem bin ich entsetzt über die Debatte über Dieselautos, Fahrverbote und Stickstoffdioxidgrenzwerte. Es gibt keine Diesel-Lüge, wie die "Bild"-Zeitung schreibt, nur weil 100 von wohlgemerkt 4.000 Medizinern, die in der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie- und Beatmungsmedizin organisiert sind, die derzeitigen Grenzwerte für wissenschaftlich nicht belastbar halten.

Keine Lebensgefahr durch Diesel-SUVs

Es ist auch nicht so, dass wir jetzt alle um unser Leben fürchten müssen, wenn Diesel-SUVs an uns vorbeirumpeln. Der Lautsprecher der Grenzwert-Infragesteller, der Lungenfacharzt Dieter Köhler, sagt, es gebe aus dem Klinikalltag keine Patienten, die allein aufgrund der Abgase schwer erkrankt oder verstorben seien. Das ist eine zynische Vereinfachung. Denn es hat ja niemand behauptet, dass Menschen allein durch Stickstoffdioxid sterben.

Autoabgase aus einem Auspuff © Fotolia.com Foto: fotohansel

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Vielmehr steht die Frage im Raum, in welcher Konzentration und in welchem Gemisch Schadstoffe - und Stickoxide sind nun einmal Schadstoffe - die Gesundheit belasten können. Dabei geht es vor allem um Menschen mit Vorerkrankungen oder kleine Kinder, die unsere Autoabgase beileibe nicht freiwillig einatmen. Kurzum: Menschen, deren Schutz Medizinern wie Köhler ein besonderes Anliegen sein sollte.

Datengrundlage nicht ausreichend

Beginnt die Belastung wirklich schon bei 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft, also beim derzeitigen Grenzwert? Selbst Befürworter der Grenzwerte sagen, dass es eine zu schwache Studien- und Datenlage gibt, um das eindeutig sagen zu können. Aber das gilt eben auch für die Gegenfrage: Sind 40 Mikrogramm wirklich so ungefährlich, dass wir die Grenzwerte ruhig höher setzen können? Diese Gegenfrage ist für Asthmatiker, kleine Kinder oder Herzpatienten sicher auch berechtigt.

Doch die Debatte verrennt sich nur noch weiter. In den USA, so schäumen die Grenzwert-Gegner, seien sie ja viel toleranter mit ihren Stickstoffdioxid-Grenzwerten. Stimmt, aber dann sollte man auch erwähnen, dass die Diesel dort deutlich schärferen Zulassungsvorschriften unterliegen als hierzulande. Komisch, dass VW oder BMW in den USA Dieselautos bauen können, die sauberer sind als in Europa.

Ganz nebenbei: Hätten wir die erheblich strengeren amerikanischen Feinstaub-Grenzwerte, hätten wir ein wohl noch größeres Problem, das dann auch Benzinautos treffen könnte. Aber die Beharrungskräfte hierzulande sind immens, das zeigt sich auch bei der völlig aus dem Ruder gelaufenen Diesel-Diskussion mal wieder sehr deutlich.

Medizinisch und wirtschaftlich beschämend

Für ein Hochtechnologieland wie Deutschland ist das einfach nur beschämend, nicht nur aus umweltmedizinischer, sondern auch aus ökonomischer Sicht. Denn die Konkurrenz schläft nicht, während wir mit wehenden Fahnen um unseren alten Diesel kämpfen. Und diese Konkurrenz, die irgendwann den Vorsprung durch Technik für sich reklamieren könnte, ist für die deutsche Industrie mit Sicherheit gefährlicher als der derzeitige Stickstoffdioxid-Grenzwert.

Abgas quillt aus dem Auspuff eines Autos im Straßenverkehr. © avanti Foto: avanti

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NDR Info | Kommentar | 23.01.2019 | 17:08 Uhr