Sendedatum: 07.02.2013 17:08 Uhr

Aufbruch statt Abriss

Die ehemalige evangelische Kapernaum-Kirche in Hamburg-Horn ist an das islamische Zentrum Al-Nour verkauft worden. Das bereits vor zehn Jahren entwidmete Gotteshaus soll zu einer Moschee umgewandelt werden. Das stößt auf Kritik. Der Präsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Hans Ulrich Anke, sagte: "Wo immer es geht: Kirche soll Kirche bleiben". Der katholische Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke nannte den Verkauf ein "Missgeschick".

Ein Kommentar von Florian Breitmeier, NDR, Religion und Gesellschaft

Warum eigentlich nicht? Warum sollte aus einem ehemaligen Kirchengebäude, das seit Jahren vor sich hinrottet, nach umfassender Sanierung nicht eine Moschee werden können? Ein Gotteshaus bliebe so ein Gotteshaus. Wer nun den Untergang des christlichen Abendlandes heraufbeschwört, von "Dammbrüchen" spricht, den Verkauf an das islamische Zentrum als Ausdruck eines vermeintlich muslimisch-religiösen Machtanspruchs in der Freien und Hansestadt Hamburg brandmarkt, verkennt die Besonderheiten des konkreten Falls und die großen Chancen, die ihm innewohnen.

Noch stellt die evangelische Kirche in Hamburg diesen Fall als einen Sonderfall dar - als eine Art Ausrutscher. Frei nach dem Motto: natürlich sprechen wir jetzt mit der islamischen Gemeinde konstruktiv und konsensorientiert, aber allen Kritikern des Verkaufs sei gesagt, dass so etwas in Zukunft nicht mehr passieren kann.

Es ist ja richtig, wenn Bischöfin Kirsten Fehrs jetzt erklärt, man wolle eine unaufgeregte Debatte. Aber der Kirchenverkauf in Hamburg-Horn ist kein Sonderfall, er ist vielmehr eine Steilvorlage für die konkrete Ausgestaltung des religiösen Miteinander in einer pluralen und weltoffenen Metropole. Und dieser Debatte sollte sich die Kirche stellen und Paragraphen und EKD-Empfehlungen nicht als in Stein gemeißelte Gesetzestexte verstehen.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat 2013 zu einem Themenjahr "Reformation und Toleranz" der Lutherdekade erklärt. Das wär's doch: offensiv dafür zu werben, dass aus einer ehemaligen Kirche wieder ein neuer Ort der religiösen Begegnung werden kann. Toleranz bedeutet ja nicht, dass ich den Anderen einfach nur dulde, sein Anderssein gerade noch so akzeptiere, sondern, dass ich das Zusammenleben mit ihm auch gestalten möchte. Hinzu kommt: In drei Monaten feiern 100.000 Christen aus ganz Deutschland den Evangelischen Kirchentag in Hamburg. Das Motto der Veranstaltung lautet: "Soviel Du brauchst". Was spricht dagegen, das vermutlich in stundenlangen Gremiensitzungen ersonnene Motto auch in diesem Punkt mit Leben zu erfüllen? Was brauchen die unterschiedlichen Religionsgemeinschaften auf dem Weg der Toleranz und Weitherzigkeit? Sicherlich keine Debatte um Kirchenabrisse im Zweifelsfall, sondern ein Zeichen für religiöse Aufbrüche. Mit Respekt voreinander kann man sehr wohl nebeneinander seine jeweiligen religiösen Traditionen ausleben. Durch ihre mehr oder weniger reserviert abwartende Haltung in der Frage künftiger Kirchenverkäufe sind die Protestanten nicht nur an der Elbe dabei, eine große Chance zu verspielen: nämlich konkret Zeugnis abzulegen von einem aufgeklärten Toleranzverständnis, das dem religiösen Miteinander im 21. Jahrhundert dient, ohne dabei freilich seine religiösen Glaubenswahrheiten aufzugeben.

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NDR Info | Kommentar | 07.02.2013 | 17:08 Uhr