Jazz Special

Jazz und Europa

Freitag, 18. Januar 2019, 22:05 bis 23:00 Uhr, NDR Info

Am Mikrofon: Stefan Gerdes

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Sopransaxofonist und Klarinettist Sidney Bechet 1956 bei einem Auftritt in Hamburg.

Die Anfänge liegen - wie immer - im Nebel der Geschichte. Dennoch lassen sich zwei bedeutsame Ereignisse konkreter bestimmen: 1918, zum Ende des Ersten Weltkriegs, brachten James Reese Europe und seine Militärband - die afroamerikanischen "Harlem Hellfighters" - eine zündende Mixtur aus Marschmusik, Ragtime und frühem Jazz nach Frankreich. Nur ein Jahr später traten die Original Dixieland Jazz Band aus New Orleans und das Southern Syncopated Orchestra mit dem Starsolisten Sidney Bechet in England auf. Die Jazzbegeisterung erfasste rasch ganz Europa. Von London über Paris bis Berlin und Amsterdam gründeten sich Bands, die sich - zunächst noch sehr holprig - an den neuen Rhythmen und Harmonien versuchten.

Der Jazz und das "Neue Zeitalter"

Der Jazz diente damals als vielschichtige Projektionsfläche. Seine Vitalität taugte als Ventil, das Kriegstrauma zu überwinden, das Erlebte buchstäblich "wegzutanzen". Seine Herkunft aus der "Neuen Welt" machte den Jazz zum Boten eines "Neuen Zeitalters". Seine Spontaneität, seine unmittelbare Kraft und nicht zuletzt seine afrikanische Vorgeschichte dienten anfangs aber auch als exotisches Gegenbild zu einer abendländisch-bürgerlichen Kunstauffassung. Dadaisten und Expressionisten, Dichter wie Jean Cocteau, Maler wie Francis Picabia und Fernand Léger und Komponisten wie Maurice Ravel, Darius Milhaud und Erwin Schulhoff priesen den Jazz und versuchten sich an ihm.

Expatriates - Amerikaner in Europa

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Coleman Hawkins bei einem Auftritt mit seinem Quartett 1965.

Der Ruf, den der Jazz damals in Europa genoss, die ökonomischen Bedingungen und vor allem ein deutlich weniger spürbarer Rassismus, lockten viele afroamerikanische Musiker über den Atlantik. Louis Mitchell und Sidney Bechet waren die ersten, in den 1930ern folgten ihnen Coleman Hawkins und Benny Carter, nach dem Zweiten Weltkrieg dann James Moody und Kenny Clarke - um nur einige wenige zu nennen. Die Namen der sogenannten "Expatriates" würden ganze Bücher füllen. Sie waren neben Schallplatte und Radio ein wichtiger, persönlicher Maßstab, an dem sich die europäischen Musiker orientierten.

Das ästhetische Vorbild im Wandel

Es sollte Jahrzehnte dauern - mit der immer noch faszinierenden Ausnahme des Gitarristen Django Reinhardt - bis sich eigenständige europäische Jazzsprachen entwickelten. Lange Zeit blieb der amerikanische Jazz die ästhetische Referenz für Musiker und Publikum - selbst in Zeiten der Veränderungen. Ab Ende der 1950er entstanden neue Konzepte von Ornette Coleman, Cecil Taylor, John Coltrane und Albert Ayler. Der Jazz öffnete sich, harmonische, melodische und rhythmische Praktiken befanden sich im Wandel, Gruppendynamik und Energie ersetzten songhafte Melodien und einen durchgehenden Beat. Die neue "Freiheit" bot den Europäern nicht nur die Möglichkeit, musikalische Regeln zu hinterfragen, sondern auch die eigenen Identitäten zu erkunden.

Europa - ein Spiel der Identitäten

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Der Pianist Jan Johansson schrieb auch die Filmmusik für Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf".

Dies führte in den 1960er und 70er Jahren zu sehr unterschiedlichen Entwicklungen. In Deutschland, England, Frankreich oder Holland entstanden jeweils eigene Varianten von improvisierter Musik oder sogenanntem "Free Jazz". Exemplarisch seien hier Peter Brötzmann, Joe Harriott, Michel Portal und Misha Mengelberg genannt. Parallel zu ihnen entdeckten viele Musiker ihre Ressourcen in den eigenen kulturellen Traditionen. Der Pianist Jan Johansson und der Bassist Georg Riedl schufen zwischen 1962 und 64 für das Album "Jazz på Svenska" eine Fusion aus Jazz und schwedischen Folksongs. Trompeter Dusko Goykovich verarbeitete 1966 auf "Swingin' Macedonia" die Rhythmen und Bläserkulturen des Balkan. In England nahm der bereits erwähnte Saxofonist Joe Harriott schon 1960 mit dem Calypso karibische Einflüsse in seine Musik auf. Und es ist sicher kein Zufall, dass dem Engländer John McLaughlin die Begegnung von Jazz und indischen Traditionen ein besonderes Anliegen war.

Postkoloniale Klänge

Zu Europas Geschichte gehört nicht nur die Aufklärung, zu ihr gehören auch Sklavenhandel und Kolonialismus. Der Reichtum hier basiert auf Verschleppung, Unterwerfung und Ausbeutung dort. Heute, im postkolonialen Zeitalter, verschaffen sich viele Stimmen Gehör, die aus ehemaligen Kolonien und Einflussbereichen nach Europa gekommen sind, vor allem nach Paris und London. Der Pianist Martial Solal stammt aus Algerien, der Trompeter Ibrahim Maalouf aus dem Libanon, der Oud-Poet Anouar Brahem aus Tunesien, der Pianist Gregory Privat aus Martinique, die Vorfahren des Gitarristen Nguên Lê kamen aus Vietnam nach Frankreich. Der britische Jazzpionier Joe Harriott wurde in Jamaika geboren, der Pianist und Bandleader Chris McGregor in Südafrika, Saxofonist Courtney Pine ist der Sohn jamaikanischer Eltern, der Percussionist Sarathy Korwar ist in Indien aufgewachsen, der Saxofonist Shabaka Hutchings auf Barbados. Sie alle bereichern und prägen heute Europas Jazz.

Europa West und Ost - Projektionen

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Einer der ostdeutschen Jazzpioniere: Ernst Ludwig Petrowsky.

Waren West- und Osteuropa geografisch wie ideologisch lange Zeit getrennt, so fand der Jazz immer seinen Weg durch den "Eisernen Vorhang". Auf beiden Seiten wurden ihm dabei Kräfte zugeschrieben, die je nach politischer Stimmungslage von Vorteil waren oder zur Gefahr werden konnten. Wie schon nach 1918, diente der Jazz auch nach dem Zweiten Weltkrieg als Projektionsfläche. In Aserbaidschan wurden Mitte der 1950er Jahre die Konzerte des Komponisten und Jazzpianisten Vaqif Mustafazadə mit Verboten belegt. Der bedeutendste polnische Jazzmusiker, Krzyzstof Komeda, war ursprünglich Arzt und hieß Trzciński. Den Namen Komeda legte er sich zu, um unerkannt von seinen Arztkollegen dem damals verpönten Jazz nachzugehen. Bemerkenswert, dass der polnische Staat zur gleichen Zeit - ab 1958 - in Warschau das "Jazz Jamboree" veranstaltete, ein internationales Jazzfestival, zudem sogar Miles Davis und Dizzy Gillespie eingeladen wurden. Ein demonstratives Zeichen der "Offenheit" der sozialistischen Regierung. Gillespies Auftritt kam allerdings - wie man heute weiß - mit Hilfe der CIA zustande, um eben jenen Sozialismus zu unterwandern. Ostdeutsche Jazzpioniere wie Ernst Ludwig Petrowsky, Conny Bauer, Ulrich Gumpert, Günter "Baby" Sommer ("Synopsis"/"Zentralquartett") hätten sicherlich ähnlich wechselhafte Geschichten zu erzählen.

Jazz und Europa - Geschichten und Schriften

"Jazz und Europa". Darin erzählen wir die Geschichte und Geschichten von Ländern und Persönlichkeiten, von Begegnungen des Jazz mit anderen Künsten, von "Expatriates", Emanzipation und Fusionen mit unterschiedlichen Kulturen - aber auch von Mythen und Projektionen, mit denen der Jazz seit seinen Anfängen bedacht wurde. Wir stellen bahnbrechende Aufnahmen und wegweisende Plattenfirmen vor und beleuchten auch die Arbeit des öffentlich-rechtlichen Radios in Europa. Begleiten werden uns dabei die Literatur und die Jazz-Forschung: die Standardwerke von Joachim-Ernst Berendt und Ekkehard Jost, die Schriften vom Jazzinstitut Darmstadt und auch jüngere Bücher von Francesco Martinelli oder Stuart Nicholson, der provokant behauptet hat, der Jazz sei zwar immer noch quicklebendig, allerdings sei er längst schon umgezogen - nach Europa.