Stand: 10.03.2009 14:22 Uhr  | Archiv

Dirty Dozen, Folge 2: Eddie Harris & Les McCann "Swiss Movement" (1969)

von Michael Laages

Doppelt haltbarer Ruhm ist entstanden an diesem Juni-Abend anno 1969. Zum einen für den bis dahin eben noch nicht weltbekannten Sänger und Pianisten Les McCann, der sich zum Evergreen am Jazz-Markt verwandeln sollte durch das legendäre Konzert mit dem Saxofonisten Eddie Harris, dem Trompeter Benny Bailey, Leroy Vinegar am Bass und einem Schlagzeuger namens Donald Dean bestritt. Zum anderen aber - und das war noch wichtiger - für das Festival und den kleinen Ort am Genfer See in der Schweiz. Dort entstand an diesem Abend das Album "Swiss Movement". Die Aufnahme mit der Band um McCann und Harris ist für die Jazz-Freunde das, was für die Rock-Fans "Smoke on the water" von "Deep Purple" ist - Montreux pur.

Festival erblüht neben der "Rose"

"Smoke on the Water, and Fire in the Sky" - so erzählen die Rocker vom tragischen Brand des alten Casinos in Montreux, wo das Jazz Festival parallel zum Fernseh-Wettbewerb um die "Goldene Rose" 1967 gegründet wurde - mit Hilfe der europäischen Radio-Assoziation EBU und darum mit ganz viel Euro-Jazz zuzüglich jeweils eines Jazz-Stars aus den USA. Charles Lloyd kam 1967, Bill Evans 1970 - und 1969 eben Harris und McCann. Ideenstifter in Montreux war Claude Nobs, der Koch gelernt hatte und gerade zum PR-Manager seiner kleinen Heimatstadt umsattelte. Später war er auch Schweizer Generalrepräsentant für einen amerikanischen Musik-Konzern. Und weil nun wiederum das so war, sind die Montreux-Aufnahmen von McCann und Harris derart oft und unter unterschiedlichsten Überschriften recycelt und wiederveröffentlicht worden, dass das "Swiss Movement"-Konzert heute eines der meistverkauften Jazz-Produkte überhaupt geworden ist - obwohl sich weder McCann noch Harris je zu All-Time-Greatest-Weltstars mauserten.

Protest-Song avanciert zur Jazz-Hymne

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Eddie Harris

Der Sound dieses Abends lebt vor allem vom beginnenden Hang zur Vermischung von Jazz und Rock, vor allem in den Rhythmen. "Compared to what", das stärkste Stück unter nur einer Handvoll Songs, steht obendrein politisch mittendrin im Wirbelsturm jener unruhigen Jahre. Wer genau hinhört, wird in McCanns Text nichts weniger als einen knallharten Protest-Song entdecken, der vor allem den Vietnam-Krieg sowie das soziale und rassische Ungleichgewicht im Amerika zwischen Lyndon B. Johnson und Richard M. Nixon beim Namen nennt. Roberta Flack hatte McCanns Song zuerst gesungen. McCann entwickelt darin einen staunenswerten Sog aus Jazz, Soul und Funk, in den hinein sich vor allem Harris und Bailey schrauben - mit himmelsstürmerischen Soli. Es blieb der stärkste Sturm für lange Zeit - als das Festival in Montreux viele Jahre später zum Remake von "Swiss Movement" einlud, waren McCann wie Harris fast vergessen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Jazz | 12.03.2009 | 22:05 Uhr