Stand: 11.07.2018 10:16 Uhr

NSU-Prozess: "Kaum gesellschaftliche Wirkung"

Am Oberlandesgericht München wurde heute das Urteil im NSU-Prozess gesprochen. Trotz des fünf Jahre andauernden Verfahrens erwartet der Bielefelder Soziologe Wilhelm Heitmeyer keine positiven Auswirkungen auf die Gesellschaft. Im Interview mit NDR Info sprach er von einer gesellschaftlichen Selbstentlastung. So sei schon bei Bekanntwerden der NSU-Verbrechen ein dichotomisches Bild gezeichnet worden: der NSU als mörderische Bande auf der einen Seite, auf der anderen Seite die intakte humane Gesellschaft. Schon das sei ein Grundfehler gewesen.

Der Soziologe Willhelm Heitmeyer steht an einem Rednerpult und gestikuliert Richtung Publikum. © dpa picture alliance Fotograf: Monika Skolimowska

NSU-Prozess: "Kaum gesellschaftliche Wirkung"

NDR Info - Aktuell -

Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer geht davon aus, dass der NSU-Prozess keine gesellschaftlichen Auswirkungen haben wird. Im Interview spricht er von einer "Schlussstrich-Mentalität".

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Prozess hätte Grundlage für Aufarbeitung sein müssen

Heitmeyer bemängelt eine fehlende gesellschaftliche Selbstaufklärung im Zusammenhang mit den NSU-Verbrechen und der Aufarbeitung. Als Negativ-Beispiel nannte er, dass 2013 ein NDP-Verbotsverfahren auf den Weg gebracht worden sei. Das sei ein reines Ablenkungsmanöver gewesen. Stattdessen hätte der Prozess Ausgangspunkt für eine andere Aufarbeitung sein müssen. "Es gibt Einstellungen in der Bevölkerung - wir nennen das gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit - die beliefern gewissermaßen Rechtspopulisten und die wiederum systemfeindliche Gruppen und Unterstützer von Terroristen."

"Neigung zur Schlussstrich-Mentalität"

Der Soziologe geht davon aus, dass die Gesellschaft versucht, sich selbst zu entlasten. Hier spricht Heitmeyer auch von einer Neigung zur Schlussstrich-Mentalität. Er vermute, das werde auch nach der Verkündung des Urteils um sich greifen - bis hin zur Ignoranz.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 11.07.2018 | 07:46 Uhr