Stand: 05.10.2018 09:33 Uhr

"Es geht immer noch zu wenig um Machtstrukturen"

Vor einem Jahr wurde #MeToo ins Leben gerufen. Nachdem erste Schauspielerinnen dem Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein sexuelle Belästigung vorwarfen, startete unter dem MeToo-Hashtag eine weltweite öffentliche Diskussion über Sexismus. Seitdem haben sich viele Frauen getraut, über Schikanen und Übergriffe zu sprechen. Viele Unternehmen haben zum Beispiel Vertrauensleute als Ansprechpartner für Betroffene bestimmt. Was sich durch die #MeToo-Debatte verändert hat, schildert die Sozialpsychologin der Universität Osnabrück, Lea Hartwich, im Interview auf NDR Info.

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Unter dem Hashtag MeToo kam eine Debatte ins Rollen, die bis heute nachwirkt.

Was genau mit dem Hashtag gemeint war, ist aus Sicht Hartwigs ein weites Feld. Damals, als dieser Hashtag gestartet wurde, sei das durchaus beabsichtigt gewesen. So konnte wirklich erfasst werden, wie viele verschiedene Erfahrungen mit Sexismus, mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz, aber auch außerhalb davon, Frauen tatsächlich machen. Die stärkste Zunahme habe #MeToo tatsächlich kurz nach Bekanntwerden des Falls Weinstein gesehen. "Weil das bei vielen eine gewisse Hemmschwelle abgebaut hat, darüber zu sprechen, was eigentlich vorgefallen ist oder was sie erlebt haben an sexueller Belästigung oder Sexismus", sagt Hartwig.

Jetzt sei der stärkste Punkt dieser Welle schon wieder überschritten, aber es gebe auch heute noch neue Vorwürfe in Deutschland oder in den USA. Außerdem stellte Hartwig auf NDR Info fest, dass dieses Klima anzuhalten scheine, in dem es vielen Frauen leichter fällt oder möglich scheint, solche Anschuldigungen oder Beschwerden auch vorzubringen.

Sozialpsychologin Lea Hartwich zu sehen im Portrait-Foto. © uni-osnabrueck.de

Ein Jahr nach Beginn der # MeToo-Debatte

NDR Info - Aktuell -

"Machtstrukturen müssen hinterfragt werden", sagt Lea Hartwich, Sozialpsychologin an der Uni Osnabrück, auf NDR Info. Für Frauen sei es jetzt leichter, über Belästigungen zu sprechen.

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Der Fokus liegt zu sehr auf Einzelfällen

"Gerade für die Betroffenen macht es das leichter, zu wissen, dass man nicht alleine dasteht", sagt Hartwig. Es gebe aber leider auch vieles, was sich nicht geändert habe. "Man sieht es leider immer noch oft, dass der erste Instinkt zu sein scheint, zu hinterfragen, ob die Betroffenen glaubwürdig sind", so Hartwig. Die Motivation der Betroffenen in Zweifel zu ziehen, schade dem gesellschaftlichen Klima. Außerdem liege der Fokus nach wie vor oft auf Einzelfällen. Es werde dabei immer noch gefragt, ob ein bestimmtes Verhalten "schlimm genug" sei, um Konsequenzen zu erfordern. Die Ursachen der #MeToo-Debatte werden aus Sicht der Sozialpsychologin aber vernachlässigt. "Tatsächlich gehen wir immer noch zu wenig die Machtstrukturen an, die dahinter stehen, die ja tatsächlich auch Sexismus und sexuelle Belästigung fördern und erst mal ermöglichen."

Es gibt den Versuch, Konsequenzen wieder einzuschränken

Hartwig geht davon aus, dass die Gesellschaft mittlerweile einen gewissen Konsens darüber erreicht habe, dass sexuelle Belästigung nicht in Ordnung ist und verurteilt werden sollte. Allerdings gebe es bei vielen immer noch die Frage, ab wann man von Sexismus sprechen kann. "Oft werden Argumente vorgebracht, Männern werde es nun zum Beispiel verboten, mit Frauen zu flirten oder einfach freundlich zu sein und da sieht man in gewisser Form auch einen Backlash (also eine Gegenreaktion) gegen diese gesamte Debatte und sozusagen einen Versuch, die Konsequenzen wieder einzuschränken."

Hartwig ist nicht der Meinung, dass der Vorwurf des Sexismus im Zuge der #MeToo-Debatte überzogen wurde. Dieses Argument werde von Menschen vorgebracht, die diese Debatte gerne beenden würden und die Frauen, die sich geäußert haben, zum Schweigen bringen wollen.

Nicht in alte Muster zurückverfallen

Oft werde der Vorwurf laut, es werde alles in einen Topf geworfen und übertrieben. Frauen seien aber sehr wohl in der Lage, zwischen belästigenden Kommentaren oder tatsächlichen Übergriffen zu unterscheiden. "Es geht ja nur darum, das Augenmerk darauf zu richten, dass es alles Symptome des selben Problems sind, nämlich des Sexismus und der patriarchalen Strukturen, die immer noch in unserer Gesellschaft existieren."

Hartwich warnt davor, in alte Muster zurückverfallen, sobald sich die mediale Aufmerksamkeit von dem Thema wegbewegt. Betroffenen, die sich über Sexismus und sexuelle Übergriffe beschweren, müsse geglaubt werden. Generell müsse die Gesellschaft Strukturen ändern, die dazu beitragen, dass dieses Verhalten immer noch viel zu oft vorkommt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 05.10.2018 | 06:50 Uhr