Stand: 14.08.2018 10:00 Uhr

Özdemir: Merkel muss mit Erdogan Tacheles reden

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Staatspräsident Erdogan steht nach dem Kursverfall der türkischen Währung unter Druck.

Die Türkei versucht offenbar in der diplomatischen Krise mit den Vereinigten Staaten, hinter den Kulissen eine Verhandlungslösung zu erreichen. Wie Washington mitteilte, gab es ein Gespräch zwischen dem türkischen Botschafter und Sicherheitsberater John Bolton. Nach Angaben einer Sprecherin des Präsidialamtes hatte Botschafter Serdar Kilic um das Treffen mit Bolton gebeten. Thema seien die Festsetzung von US-Pastor Andrew Brunson und die beiderseitigen Beziehungen gewesen. Über Ergebnisse ist nichts bekannt. Die türkische Lira hat sich unterdessen am Dienstag etwas von ihren heftigen Kursverlusten in den vergangenen Tagen erholt.

Ende September wird der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in Deutschland zu einem Staatsbesuch erwartet. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir hat die Bundesregierung aufgerufen, die Krise in der Türkei zu nutzen, um das Land zu Reformen zu bewegen.

Keine Leistung ohne Gegenleistung

Özdemir sagte auf NDR Info, das sei eine Gelegenheit, um Einfluss auf Präsident Erdogan zu nehmen. "Mein Rat an die Bundesregierung vor dem Besuch von Erdogan in Berlin: Man muss mit ihm Tacheles reden und klare Bedingungen stellen, ihm klarmachen, dass es keine Leistung ohne Gegenleistung gibt", so Özdemir. Der Grünen-Politiker wollte sich allerdings nicht festlegen, ob Erdogan bereit sein könnte, seinen Kurs zu ändern: "Unter normalen Bedingungen müsste er es tun, denn es ist seine einzige Chance, das Land zu retten und seine Macht zu erhalten."

Erdogan sucht die Schuld überall - nur nicht bei sich

Aber, so Özdemir: "Was ist schon normal bei Erdogan?" Der türkische Präsident suche die Schuld überall, nur nicht bei sich selbst. Die Gespräche des türkischen Botschafters in Washington wertete Özdemir aber als einen Hinweis darauf, dass Ankara versuchen könnte "beizudrehen". Nur so könne Erdogan sein Land retten. Die Drohung Erdogans, sich China oder Russland zuzuwenden, bezeichnete Özdemir als wenig realistisch. "Wenn die Volkswirtschaft modernisiert werden soll, dann wird das nicht über Russland funktionieren, das ja selber genug Probleme hat mit seiner Wirtschaft." Erdogan wisse, dass er sein Land nur in Zusammenarbeit mit der EU weiter modernisieren könne, so der Grünen-Politiker.

Wer die Türkei bestraft, bestraft alle Türken

Nach Ansicht des früheren Grünen-Vorsitzenden liegt die Schuld an der Entwicklung ausschließlich bei Erdogan. "Das ist eine hausgemachte Krise und die verschärft sich durch Erdogan, weil er nicht auf die Wirtschaftsexperten hört." Die diplomatische Auseinandersetzung mit den USA um den festgesetzten US-Pastor Branson sei nicht die Ursache der Wirtschaftskrise, dennoch räumte Özdemir ein: "Wer die Türkei bestraft, der bestraft eben alle Menschen in der Türkei, auch diejenigen, die gar nichts dafür können." Erdogan müsse unter anderem wieder die Unabhängigkeit der Zentralbank wiederherstellen, damit die Märkte das Vertrauen in das Land zurückgewönnen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 14.08.2018 | 07:20 Uhr

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