Stand: 03.09.2019 11:02 Uhr

Gysi: "Wer Denkzettel verteilen will, wählt AfD"

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Linke-Urgestein Gregor Gysi meint, die AfD habe den Linken im Osten den Posten der Prostestpartei abgenommen.

Das starke Auftrumpfen der AfD in Sachsen und Brandenburg - und gleichzeitig sehr bescheidene Ergebnisse für die Linke: der ehemalige Fraktionschef der Linkspartei, Gregor Gysi, hat dafür im Interview auf NDR Info vor allem drei Gründe ausgemacht. Erstens: Die Zuspitzung auf die Frage, ob die AfD stärkste Partei bei den Wahlen wird. Das hat laut Gysi zu einer Art Zweikampf geführt: Entweder die Alternative für Deutschland wählen, oder den Ministerpräsidenten unterstützen. Zweitens: Die Linke sei keine Protestpartei mehr, allein schon, weil sie beispielsweise in Brandenburg, Berlin oder Thüringen in der Regierung sitzt. Drittens: Wer den etablierten Parteien einen Denkzettel verpassen wollte, der habe AfD gewählt.

Richtig, als Linke zu regieren

Es war richtig, dass wir uns an den Landesregierungen beteiligt haben, sagt Gysi. Aber: Man habe den Osten dann vielleicht doch zu wenig im Blick gehabt. Dass man mit Bremen nun zum ersten Mal in einem westdeutschen Bundesland an der Regierung beteiligt ist, habe zu Diskussionen über rot-rot-grüne Bündnisse geführt. "Wir aber haben die meiste Kompetenz in Ostdeutschland und sind darauf vielleicht zu wenig eingegangen."

Das Interview zum Nachhören
05:41

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Die Linke müsse sich neu erfinden, sie sei keine Protestpartei mehr. Mit Kreuzen bei der AfD wollten Wähler den etablierten Parteien einen Denkzettel verpassen, so Gregor Gysi. Audio (05:41 min)

Wieder mehr Nähe aufbauen

Gerade in Sachsen, sagt Gysi, gibt es viele Regionen, die abgehängt seien: "Wenn ich gegen Autos bin und gleichzeitig keine Busse zur Verfügung stelle, um in die Kreisstadt zu kommen, dann passt da was nicht." Um diese Menschen, fordert Gysi, muss sich seine Partei wieder verstärkt kümmern. Nach fast 30 Jahren Einheit wird im Osten bei niedrigerem Lohn länger gearbeitet - und weniger Rente gezahlt. "Das demütigt die Menschen, wenn sie dann auch nach vielen Jahren nur 70 Prozent des West-Lohns bekommen", ist Gysi überzeugt.

Keine Personaldebatten vor der Thüringen-Wahl

Debatten über Posten soll man durchaus führen, findet Gysi - aber alles nach dem 27. Oktober - dem Tag der Landtagswahl in Thüringen. Dann könne man auch über eine Verjüngung der Spitzenposten nachdenken. Vorher aber gelte es mit Blick auf die Wahl als Linke zusammenzuhalten. Nach dem schlechten Abschneiden der Partei bei den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen war unter anderem Kritik an der Parteiführung um Katja Kipping und Bernd Riexinger laut geworden.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Infoprogramm | 03.09.2019 | 06:11 Uhr