Forum am Sonntag

Früher war alles besser

Sonntag, 11. November 2018, 06:05 bis 06:30 Uhr, NDR Info

Zwei Mädchen spielen "Himmel und Hölle". © picture alliance / empics Foto: Dave Thompson

Früher war alles besser

NDR Info - Das Forum -

Früher war alles besser. Dieses Lebensgefühl beschleicht derzeit viele. Und das, obwohl heute objektiv fast alles besser ist als vor einigen Jahrzehnten. Ein Paradox?

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Spurensuche eines neuen Lebensgefühls
Ein Feature von Nicole Ahles im Rahmen der ARD-Themenwoche Gerechtigkeit

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Der Theologe Reimer Gronemeyer hat seine Kindheit im Zweiten Weltkrieg in Hamburg verbracht - und hat positive Erinnerungen an diese Zeit.

Der Theologe Reimer Gronemeyer wurde 1939 in Hamburg mitten in den Zweiten Weltkrieg hineingeboren. Um ihn herum gab es nur Trümmer und Zerstörung, Not und Hunger. Und dennoch sieht der 79-Jährige, der das Buch "Die Schätze der Alten" geschrieben hat, seine Kindheit eher nostalgisch positiv im Vergleich zu dem, was Kinder heute erleben: "Ich denke an meine noch viel länger zurückliegende Kindheit, die sich auf Trümmergrundstücken in Hamburg abgespielt hat, wie viel Abenteuer, wie viel Lebendigkeit, wie viel Leidenschaft darin war und dann weiß ich immer nicht, empfinden die jungen Menschen heute vor ihren Bildschirmen und mit ihren digitalen Geräten vielleicht etwas, was ich nicht sehe, wovon ich nichts weiß?"

Unser Gehirn erfindet Dinge dazu

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Um lebensfähig zu bleiben, drückt das Gehirn unangenehme Ereignisse in den Hintergrund, so kann man sich den Aufgaben der Gegenwart zuwenden.

Dass selbst Erinnerungen an Kriegszeiten von unserem Gehirn positiv gesehen werden, hat einen einfachen Grund. Es speichert Erinnerungen nicht eins zu eins ab, sondern nur als Stichworte, meist sind die emotional besetzt. Die Gefühle sind oft positiv, können aber auch, bei sehr traumatischen Erlebnissen in der Vergangenheit, negativ sein. Das ganze Drumherum, die Einzelheiten erfindet unser Gehirn dazu. Der Züricher Neuropsychologe Lutz Jäncke hat das jahrelang erforscht: "Wenn wir jetzt jede Information, die auf unser Gehirn einprasseln würde, faktenpräzise abspeichern würden, dann wäre unser Gehirn nach wenigen Jahren vollkommen überlastet. Und eine Variante dieser Problematik entgegenzuwirken ist eben, Stützpunkte der Vergangenheit abzuspeichern und diese Stützpunkte dann zu erinnern. Zweitens müssen Sie auch bedenken, dass wir in gewisser Art und Weise uns auch schützen müssen. Wir müssen ja lebensfähig bleiben, da ist es sehr, sehr günstig, dass man unangenehme Ereignisse in den Hintergrund drückt, damit man sich den Aufgaben der Gegenwart zuwenden kann." Durch seine langen Forschungen auf dem Gebiet ist Lutz Jäncke misstrauisch geworden, was seine eigenen Erinnerungen angeht. Zumal die Stützpunkte, die das Gehirn speichert, auch irgendwann aussortiert werden. Das heißt, je älter wir werden, desto mehr vergessen wir.

Früher war alles besser - das hört man immer wieder. Und das, obwohl Menschen in Deutschland noch nie so wohlhabend waren wie in den vergangenen Jahrzehnten. Psychologen nennen das Verhaltensparadox: Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, obwohl alle objektiven Daten dagegen sprechen. Woher kommt dieses Gefühl? Und warum scheinen vor allem Populisten diesen Menschen Antworten zu geben?

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Themenwoche "Gerechtigkeit" im NDR

Vom 11. bis 17. November dreht sich die ARD-Themenwoche um Gerechtigkeit und Chancengleichheit in unserer Gesellschaft. Die Beiträge des NDR in Fernsehen, Radio und Online. mehr

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