Forum am Sonntag

Die Welt versinkt im Zorn - Auf den Spuren eines ganz alten Gefühls

Sonntag, 19. August 2018, 06:05 bis 06:30 Uhr, NDR Info

Liste der Wörter des Jahres 2010. © dpa Foto: Fredrik Von Erichsen

Forum am Sonntag - Die Welt versinkt im Zorn

NDR Info - Forum am Sonntag -

Die Welt versinkt im Zorn - aber was ist das überhaupt für ein Gefühl? Und warum springt es gerade auf die ganze Welt über? Auf die Politik, und auf die Bürger?

3,2 bei 5 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Auf den Spuren eines ganz alten Gefühls
Von Achim Gutzeit

Die Welt ist aus den Fugen. Auch emotional. Eruptive Wut äußert sich in Hassmails, in Polemiken und Echoblasen im Internet. Woher kommen diese ganzen archaischen Gefühle? Warum hat sich so viel aufgestaut? Und wie neu ist dieser politische Zorn? Präsident Trump hat die Hoffnungslosigkeit und die Verzweiflung in seinem Land in Zorn verwandelt. Er hat den Menschen eine bessere Zukunft versprochen und seine Alchimie hat funktioniert: im Nordosten der Vereinigten Staaten wandten sich Statistiken zufolge die meisten Wähler von der demokratischen Partei ab. Trump hat im rustbelt eine Ernte eingefahren, die ihm letztlich zum Wahlsieg verholfen hat.

"Da kommen schwere Zeiten auf uns zu"

Bild vergrößern
US Präsident Trump profitiert von der Wut der Amerikaner.

Dabei war er nur der Katalysator dieses Zorns, sagt der frühere SPD-Ministerpräsident Björn Engholm. Der 79-Jährige blickt auf eine vielfältige politische Karriere zurück, unter anderem als Bundesminister und Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Gerechtigkeit ist Engholm bis heute ein Anliegen, nicht als Selbstzweck, sondern weil sie nach seiner Überzeugung Gesellschaften befriedet. Das ist aus Sicht Engholms in den USA misslungen: "Ganz offensichtlich ist für diese Leute nicht genug getan worden. Sie können mehr tun, man hätte in Amerika mehr tun können, von daher hat Trump ein fruchtbares Feld vorgefunden. Der mittlere, gehobenere und hohe Teil dieser Gesellschaft, wenn mans eltitenschichtungsmäßig nimmt, kümmert sich einen Teufel um die, die nicht mehr dazugehören und da entwickeln sich Hassgefühle. Wir haben auf der einen Seite den Globalisierungsjetset und auf der anderen Seite diejenigen, die nie aus ihrer Region oder Lokalität herauskommen und nicht wissen, wie sie den Tag überleben sollen. Und in dieser riesigen Differenz, da wächst Unmut, da wächst Ärger und wenn die falschen Leute kommen und sich diesen Ärger zunutze machen, dann kommen schwere Zeiten auf uns zu."

Zorn gedeiht dort, wo Ungerechtigkeit herrscht

Die politischen Erntehelfer sind es, die den Zorn kanalisieren und für ihre Zwecke benutzen. Weltweit sind in den vergangenen Jahren einige dieser Politiker in Erscheinung getreten. Ihr Erfolg ist auch das Versagen der politischen Führung von gestern, sagt der Hamburger Philosophie-Professor Braham: "Wir haben nicht vom Wähler zu viel verlangt. Unsere politische Führung hat vielleicht zu wenig von sich selber verlangt, um denen einen Weg zu zeigen. Das sind sicherlich Missstände und es ist sicherlich begründbar, warum ein Bürger Trump wählt oder wer einen Brexit haben will usw. Das bestreite ich nicht und das ist auch begründbar. Aber das sollte nicht dazu führen, dass wir eine Politik führen auf Basis von deren Emotionen. Wir brauchen vielleicht eine bestimmte institutionelle Struktur, wir brauchen vielleicht eine gewisse Umverteilung, um denen zu helfen in Richtung Rationalität."

Davon war in den ersten Monaten der Präsidentschaft Trumps nichts zu merken. Ungläubig und teils konsterniert registrierte die Öffentlichkeit schamlose wütende Ausfälle gegen Migranten, Staaten, Handelsabkommen, gegen die Presse, gegen jeden, den er als Gegner ausgemacht hatte. Präsidialer Habitus ist Trump fremd, er pflügt wie ein Bulldozer durch die Welt der diplomatischen Etikette. Das Phänomen ist weltweit zu beobachten: die Verbalattacken des türkischen Präsidenten Erdogan, die Angriffe des ungarischen Regierungschefs Orban oder die lautstarken aggressiven Äußerungen aus den Reihen der AfD in Deutschland. Wie konnte es soweit kommen? Müssen wir uns auf eine neue Qualität in der verbalen öffentlichen Auseinandersetzung einstellen?

Das Forum am Sonntag heftet sich auf die  Spuren eines ganz alten Gefühls.