Stand: 09.11.2018 21:29 Uhr

Simon Wallfisch: Ein Brite wird Deutscher

von Jens-Peter Marquardt, Korrespondent im ARD-Studio London

Der 36 Jahre alte Brite und Enkel der Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch, Simon Wallfisch, ist in London groß geworden. Der bevorstehende Brexit hat den renommierten Cellisten und Bariton jetzt bewogen, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen.

Simon Wallfisch, 36 Jahre alt, Bariton und Cellist, ausgebildet unter anderem an den Musikhochschulen in Berlin und Leipzig, britischer Staatsbürger, geboren und aufgewachsen in London. Am 12. Dezember 2016 geht er zur deutschen Botschaft am Belgrave Square und spricht in sein Handy: "Today it´s the 12th of December 2016.  My name is Simon Wallfisch and I´m walking to the German Embassy in London now. On my way to put in my application for the citizenship that is granted to family members of Holocaust survivors or people who have otherwise have their German nationality lost…"

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Simon Wallfisch fühlt sich eher europäisch als britisch.

Es ist der Tag, an dem Simon Wallfisch die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Nach Artikel 116 des Grundgesetzes, der Familienangehörigen und Nachfahren von Holocaust-Überlebenden und Flüchtlingen vor dem Nazi-Terror das Recht auf einen deutschen Pass gibt.

Simon Wallfisch hatte erst kurz vorher erfahren, dass es diesen Artikel 116 in der deutschen Verfassung gibt. Es war nach dem EU-Referendum im Sommer 2016. 52 Prozent der Briten hatten für den Austritt aus der Europäischen Union votiert. Simon Wallfisch war wütend auf seine Landsleute. Er habe damals natürlich für den Verbleib in der EU gestimmt, sagt er: "Ich bin in London geboren, aber ich werde nie sagen, dass ich Engländer bin. Ich sage immer: Ich komme aus London, ich bin Europäer."

Ein britischer Europäer

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Jens-Peter Marquardt (l.) hat Simon Wallfisch im ARD-Studio in London getroffen.

Die Entscheidung seiner Landsleute für den Austritt aus der EU will er nicht einfach hinnehmen. Als Musiker ist er darauf angewiesen, auch in Deutschland auftreten und arbeiten zu können. Er hat an der Nürnberger Oper gesungen und in diesem Jahr zum Beispiel das Jugendprogramm "Labor Europa" in Osnabrück musikalisch geleitet. Deshalb machte sich Simon Wallfisch am 12. Dezember 2016 auf den Weg zur deutschen Botschaft in London. Mit den Dokumenten, die belegten, dass er der Enkel der Auschwitz-Überlebenden Anita Lasker-Wallfisch ist. Das Zusammenstellen dieser Dokumente war für ihn zuvor zu einer Reise zurück in die 1930-er und 40-er Jahre geworden, in die Familiengeschichte der Lasker-Wallfischs im damaligen Breslau, in die Geschichte von Tod und Vertreibung.

Bittere Erinnerungen

Seine Großmutter hatte ihm einen riesigen Aktenordner gegeben. "Briefe: Deutsche Bank an den Gauleiter Breslau blablabla ... hiermit bestätige ich, das Konto von dem Juden Lasker, überweisen wir jetzt an die Reichsbank, Heil Hitler, Punkt Stempel." Was er da in der Hand hielt, habe ihn viel mehr gestört als die Bilder von den Leichenhaufen in Bergen-Belsen. "Diese zynische Handlung von Menschen! Ein Brief von dem Wohnungsamt in Breslau. Hiermit bestätige ich, dass der Jude Lasker jetzt abgeschoben ist, und die Wohnung steht ihnen zur Verfügung", zitiert er aus einem anderen Brief. Der Vater seiner Großmutter, Dr. Alfons Lasker, musste alles aufschreiben. was es in der Wohnung gab: "Fünf Gabeln, zwei Schlösser, Bettwäsche. Diese Absurdität - es macht einen wahnsinnig, so wütend, wenn man das liest, diese Demütigung von Menschen und meiner Familie."

All diese Dokumente, in Kopie natürlich, präsentierte Simon Wallfisch dem sehr freundlichen und hilfsbereiten deutschen Konsularbeamten in London, der ihm die Hoffnung gab, dass er mit diesen Dokumenten sicher deutscher Staatsbürger werde. Es werde nur etwas dauern.

Mehr als ein Verwaltungsakt

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Die Beantragung der deutschen Staatsbürgerschaft war für Simon Wallfisch viel mehr als ein Verwaltungsakt.

Früher ist das schneller gegangen. Da hatte es die Botschaft in London nur mit ganz wenigen Anträgen dieser Art zu tun, 2015 waren es 59. Nach dem EU-Referendum aber wurden es plötzlich Tausende. Stand September 2018 sind es jetzt 3400 vorwiegend jüdische Briten, die nach der Entscheidung ihres Landes für den Austritt aus der EU in der Botschaft in London oder im Konsulat in Edinburgh die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt haben.

Auch wenn alles glatt lief - der Gang in die Botschaft nahm Simon Wallfisch mehr mit, als er das erwartet hatte. Vielleicht sei er zu etwas emotional im Umgang damit, sagt er. Eigentlich sei die deutsche Staatsbürgerschaft doch nur eine Art Versicherungspolice für ihn und seine beiden Kinder, für die er sie gleich mit beantragt hatte. Trotzdem kamen Simon Wallfisch auf dem Rückweg von der Botschaft die Urgroßeltern Alfons und Edith in den Sinn, die im KZ getötet wurden. Was die wohl dächten, wenn sie ihn bei der Beantragung der deutschen Staatsbürgerschaft gesehen hätten.

Bereit zur Versöhnung

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Anita Lasker-Wallfisch hat das KZ in Auschwitz und Bergen-Belsen nur überlebt, weil sie Cello spielen konnte.

Im Gegensatz zu den Urgroßeltern hat Simons Großmutter Anita Lasker-Wallfisch die KZs in Auschwitz und Bergen-Belsen überlebt. Sie spielte Cello, und in Auschwitz brauchte die SS im Mädchenorchester noch ein Cello - deshalb endete Simons Großmutter nicht in der Gaskammer, sondern kam nach dem Krieg nach London. Enkel Simon erzählt, die Nazi-Zeit sei lange Zeit kein Thema in der Familie gewesen. Die Großmutter war als Cellistin ständig auf Reisen, der Sohn Raphael, Simons Vater, ist heute noch als Cellist auf den Weltbühnen unterwegs. Erst nach ihrer musikalischen Karriere begann Simons Großmutter über den Nazi-Terror zu erzählen, öffentlich, auch in deutschen Schulen und in diesem Jahr zum Holocaust-Gedenken vor dem Deutschen Bundestag.  Dort sagte sie "Ich hatte geschworen, nie wieder meine Füße auf deutschen Boden zu setzen. Mein Hass, auf alles, was deutsch war, war grenzenlos." Aber sie änderte ihre Meinung, berichtete sie "Ich bereue es nicht. Hass ist ganz einfach ein Gift. Und letzten Endes vergiftet man sich selbst!"

Dem Enkel Simon kamen die Tränen, als er in London die Rede seiner Großmutter in Berlin hörte. Er musste an den Urgroßvater denken, der seiner Tochter vor dem Abtransport ins KZ zugerufen hatte: "Anita, ich zähle auf Dich!" Und er erinnert sie an die Veränderung bei Anita Lasker-Wallfisch: "Für meine Großmutter war Deutsch einfach tabu. Bis in die 90er Jahre. Jetzt ist sie Germany's Next Top Model geworden, in Deutschland!" Die heute 93 Jahre alte Großmutter Anita habe kein Problem damit, dass ihr Enkel Simon die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hat.

Deutscher Staatsbürger

Jetzt, fast zwei Jahre nach dem Antrag, bekam Simon Wallfisch die deutsche Einbürgerungsurkunde. Er holte sie am 29. Oktober in der Botschaft in London ab, als er abends dort zusammen mit seinem Vater Cello spielte und sang, während seine Großmutter aus ihrem Leben erzählte. Der Botschafter habe ihm die Handgegeben, ihm gratuliert und gesagt: "Willkommen."

Simon Wallfischs politische Mission ist damit nicht zu Ende. Er hofft, den Brexit doch noch irgendwie verhindern zu können, auch mit seinen eigenen musikalischen Mitteln. Der Cellist und Bariton taucht regelmäßig zusammen mit einigen Freunden im Regierungsviertel Westminster auf, singt und spielt die Europa-Hymne vor den Toren des Parlaments und vor dem Amtssitz der Premierministerin in der Downing Street. Beethovens und Schillers Ode an die Freude. Die Reaktionen darauf seien sehr positiv, sagt er. 

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 11.11.2018 | 13:30 Uhr