Stand: 26.10.2018 13:07 Uhr

Schöner Wohnen - Innenansichten aus Nordkorea

von Kathrin Erdmann, Korrespondentin im ARD-Studio Tokio

Reisen nach Nordkorea sind für Journalistinnen immer noch eine Seltenheit. ARD-Korrespondentin Kathrin Erdmann konnte jetzt aber für einige Tage in das abgeschottete Land reisen. Sie reiste mit Begleitern durch ein Land, das für viele immer noch ein weißer Fleck auf der Landkarte ist. Gezeigt wurde nur das, was vorzeigenswert ist. Ein Besuch in einer Wohnung in der Hauptstadt Pjöngjang vermittelte spannende Innenansichten einer privilegierten Familie - und auch etwas über das Verhältnis zwischen Mann und Frau.

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Die Nordkoreanerin Han Hui Suk wohnt fast kostenlos - nur Strom und Wasser muss die Familie zahlen.

Han Hui Suk steht lächelnd in ihrer Wohnungstür. Denn für sie und noch viele andere Menschen hat Nordkoreas Staatschef Kim Jong Un in der Mirae-Straße, direkt am Fluss in Pjöngjang, vor vier Jahren zwei 46-stöckige Hochhäuser bauen lassen.

Han Hui Suk wohnt mit ihrer Familie in der 14. Etage. Als erstes geht sie in die Küche. Die interessiere mich als Frau sicherlich besonders, sagt sie zu mir - und hebt auch sofort bereitwillig den Deckel vom Kochtopf: "Heute gibt es eine typische koreanische Suppe mit Bohnenpaste und Gemüse." Bevor ich mich über das schmale Essen wundern könnte, fügt die 57-Jährige eilig hinzu, dass es morgens nur wenig gebe, aber abends immer alle zusammen ein großes Mahl einnehmen.

Die Glücklichen in großen Wohnungen

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Die Wohnung ist mit 120 Quadratmetern sehr geräumig und gemütlich. Sie hat auch eine große Küche.

Die Wohnung hat eine einfache Einbauküche, mit 120 Quadratmetern ist sie sehr geräumig und gemütlich. Im Wohnzimmer stehen ein großes Sofa und ein riesiger Flachbildschirm. "Wir mussten nur kleine Dinge selbst mitbringen, die meisten Möbel standen beim Einzug schon drin. Kim Jong Un hat sich selbst vorher überzeugt, ob alles hier so stimmt. Er hat sich auf die Stühle gesetzt und geguckt, ob sie auch bequem sind", sagt Han Hui Suk.

Die ehemalige Lehrerin, die jetzt in einem Kindergarten arbeitet, erzählt das im Brustton der Überzeugung, dass man versucht ist, ihr zu glauben.

Ein Haushalt voller Medikamente

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Ein großes Sofa und ein Flachbildschirm gehören auch zur Wohnungsausstattung.

Gesundheitlich scheint es der Familie aber offenbar nicht so richtig gut zu gehen; Neben der Küchzeile liegen jedenfalls viele Medikamente in einem Regal. "Es leben ja fünf Menschen hier im Haushalt zusammen. Da habe ich schon mal rausgelegt, was man so braucht im Herbst. Das sind jede Menge Vitamine, damit keiner krank wird", sagt Han Hui Suk.

Dann geht sie zügig ins Badezimmer, die Zeit drängt. Über der Waschmaschine hängt ein Boiler. "Mein Ehemann und mein Schwiegersohn nehmen nach der Arbeit immer eine warme Dusche", erklärt Han Hui Suk. Trotzdem ist die Wanne randvoll mit Wasser, daneben liegt eine Schöpfkelle. Immer wieder unterstreicht Han Hui Suk: "Wir wohnen hier kostenlos, müssen nur Strom und Wasser zahlen. Aber das ist ganz wenig." Wie viel genau, kann sie nicht sagen. Auch über das Gehalt ihres Ehemanns, der Wissenschaftler ist, schweigt sie. Das Auswärtige Amt gibt das monatliche Durchschnittseinkommen mit 88 Euro pro Monat an. Das deckt sich in etwa mit den Aussagen meines nordkoreanischen Begleiters.

Gleichberechtigung in Nordkorea?

Die frühere Lehrerin wirkt resolut. Dass sie zu Hause die Hosen anhat, würde sie zwar nicht sagen, aber: "In der koreanischen Gesellschaft ist die Stellung der Frau sehr hoch angesehen. Es gibt keine Diskriminierung zwischen Männern und Frauen. Wir Frauen haben unsere eigene Stimme." So manche gut ausgebildete junge Nordkoreanerin scheint inzwischen dasselbe Schicksal wie deutsche Akademikerinnen zu teilen: Sie finden keinen Partner.

So wie Hong Ja Yong. Sie ist 32 Jahre alt, hat englische Literatur studiert und ist Single: "Für mich ist es schwierig. Ich habe meine Ideale und meine Vorstellungen, und da die richtige Person zu finden, ist nicht einfach." Normalerweise würden Nordkoreanerinnen mit Mitte zwanzig heiraten, Kinder kriegen und dann neben der Arbeit den Haushalt schmeißen. "Wenn manche Leute hören, dass ich noch nicht verheiratet bin, sagen sie: Was? Warum nicht? Es ist zwar kein Riesenproblem, aber trotzdem wird man komisch angeguckt, wenn man in einem bestimmten Alter noch nicht verheiratet ist", berichtet sie.

Häuser an der Grenze zwischen Nord- und Südkorea. © NDR / Kathrin Erdmann Foto: NDR / Kathrin Erdmann

Innenansichten aus Nordkorea

NDR Info - Echo der Welt -

Kathrin Erdmann ist eine Woche lang in Begleitung von Aufpassern durch Nordkorea gereist. In Pjöngjang konnte sie den Wohnkomfort einer privilegierten Familie begutachten.

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Treffen immer nur im Cafe

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Hong Ja Yong (l.) neben der ARD-Korrespondentin Kathrin Erdmann.

Hong Ja Yong ist die weibliche Begleiterin auf der Nordkorea-Reise. Sie arbeitet offiziell für die Gesellschaft für Internationalen Kulturaustausch Pjöngjang. Vorher war sie beim Roten Kreuz und konnte sogar einmal nach Australien reisen. Trotz Job wohnt die 32-Jährige noch zu Hause. Auszuziehen könne sie sich nicht leisten, sagt sie. Und einen Freund mit nach Hause bringen? Das ginge gar nicht: "Wenn mir ein Mann vorgestellt wird, dann treffen wir uns in einem Café, einem Teehaus oder in einem Restaurant und tauschen uns aus."

Zum Beispiel im Wiener Café, Hongs Lieblingsladen. Der Cappuccino hat dort ein Smiley und wird mit Milch aus Hamburg zubereitet, der Einspänner mit einer ordentlichen Portion Sahne serviert. Er kostet umgerechnet 50 Cent. Direkt neben dem Café liegt Pjöngjangs zentraler Aufmarschplatz. Auf dem Boden sind überall Markierungen gezeichnet, damit jeder weiß, wo er langzulaufen und zu stehen hat. 

Auslandsreise als großer Wunsch

Hong Ja Yong gehört zur neuen Mittelschicht Nordkoreas, die sich offenbar mit dem System arrangiert hat. Das Handy ist ihr ständiger Begleiter, im Intranet - Internet gibt es nicht in Nordkorea - schaut sie dauernd irgendetwas nach. Und klar ist für sie: Irgendwann möchte sie wieder ins Ausland: "Gern in ein europäisches Land, weil ich ja Englisch und englische Literatur studiert habe. Deshalb möchte ich dorthin reisen." Wann sich ihr Wunsch wohl erfüllen wird: Sie schweigt.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 28.10.2018 | 13:30 Uhr