Stand: 11.01.2019 12:47 Uhr

Plastiktüte adé - das Revival der Netztasche

von Isabel Gotovac, Korrespondentin im ARD-Studio Istanbul

Seit 1. Januar kostet die Plastiktüte im Supermarkt in der Türkei 25 Kurus - das sind umgerechnet etwa vier Cent. Bisher waren die großzügig ausgegeben Plastiktüten immer für umme. Und das erhitzt die Gemüter der Menschen in der Türkei. Aber es gibt eine Alternative zur Plastiktüte. Das gute alte Einkaufsnetz von früher, dachte sich die 60-jährige Cemile Ablay. Sie strickt seit dem "Plastiktütengate" die löchrigen Nylon-Netztaschen in allen Farben und kann sich vor Anfragen kaum retten.

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Cemile Ablay strickt die bunten Netztaschen, während sie nebenbei fernsieht.

Konzentriert führt Cemile Ablay eine Netznadel aus Plastik durch türkisfarbenes Nylongarn. Masche für Masche strickt sie an einem Einkaufsnetz. Die Henkel der Tasche sind an einem Stuhl befestigt. Von dort zieht Ablay das Gewebe straff, spannt es und begutachtet selbstkritisch ihre Handarbeit. Nur ab und an schaut sie auf den Fernseher, der im Hintergrund läuft. "Das Stricken beruhigt mich", sagt die 60-Jährige. "Es tut meinem Körper und der Seele gut. Früher als ich das noch nicht gemacht habe, war ich während des Fernsehens immer nur mit Essen beschäftigt. Aber jetzt bin ich mit meinen Ohren und meinen Augen nur noch hier."

Einkaufsnetze zu stricken hat Cemile Ablay von ihrer Mutter gelernt - als junges Mädchen in dem türkischen Dorf Kocaeli. "Als Kinder waren wir manchmal schon damit beschäftigt, bevor wir in die Schule gegangen sind. Dann haben wir untereinander sogar einen Wettstreit daraus gemacht, wer die meisten Taschen schafft."

Aus dem Hobby wurde ein Geschäftsmodell

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Nur etwa fünfzehn Minuten benötigt sie, bis aus dem bunten Nylongarn ein neues Einkaufsnetz entsteht.

Aus dem Wettstreit unter Kindern ist längst eine ernste Sache geworden. Bis vor knapp zwei Jahren hat Ablay die Netze einfach nur für sich gestrickt. Doch aus dem Hobby in Ablays Wohnzimmer ist inzwischen ein Geschäftsmodell geworden. "Ich bin eines Tages losgegangen, habe Garn gekauft und mehrere Netze daraus gemacht", erinnert sie sich. "Dann habe ich meinem Sohn gesagt, er soll die Netze mit Obst und Gemüse füllen, Fotos davon machen und sie ins Internet stellen."

Mit Erfolg: Bald darauf trudelten die ersten Bestellungen ein. Doch nicht immer waren die Einkaufsnetze von Cemile Ablay so beliebt wie heute. In den 1970er-Jahren kamen auch in der Türkei die ersten Plastiktüten auf und niemand interessierte sich mehr für die luftigen Taschen. "Wir haben dann aufgehört welche zu stricken", erklärt die emsige Handarbeiterin. Doch den verlorenen Faden hat sie längst wieder aufgenommen. Und seit die Supermarkt-Plastiktüten zu Jahresbeginn in der Türkei kostenpflichtig geworden sind, boomt das Geschäft. Drei Lira - umgerechnet knapp fünfzig Eurocent - kostet eine Tasche. Binnen kürzester Zeit hat Ablay rund zweitausend ihrer Netze verkauft - eine davon ging sogar nach Australien. Das Einkaufsnetz erlebt ein Revival.

Die bunten Taschen sind auch im Fernsehen ein Renner

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Das Geschäft mit den Nylontaschen boomt, seitdem Plastiktüten kostenpflichtig geworden sind.

Ihren Showroom hat sie vom Wohnzimmer ins World Wide Web verlegt: Auf Instagram hat Cemile Ablay inzwischen einen eigenen Account - mit Bildern ihrer Netze in allen Farben und mehreren Größen: "Die langen Taschen sind für größere Menschen gedacht. Die, die ich gerade hier stricke, ist für kleinere Menschen wie mich", berichtet Ablay, während sie das Ende ihres Garns mit der Flamme eines Feuerzeugs lötet - fertig ist das nächste Netz. Ihr Geschäftserfolg hat sie sogar ins Fernsehen gebracht. Mehrere Sender haben bereits über die Frau und ihre bunten Taschen berichtet.

"Als ich meine Netze im Fernsehen gesehen habe, habe ich mich sehr gefreut. Es hat mir das Gefühl gegeben, dass ich mit meinem Handwerk etwas Nützliches mache. Alle sagen, dass sie stolz auf mich sind und dass ich unser Dorf berühmt gemacht habe", sagt sie strahlend. Rund fünfzehn Minuten benötigt sie, bis aus dem bunten Nylon-Garn ein neues Einkaufsnetz entsteht. Pausen macht Cemile Ablay nicht. Ist ein Netz fertig, greift sie unverzüglich zum nächsten Knäuel. Schließlich hat sie noch etliche Bestellungen abzuarbeiten.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 13.01.2019 | 13:30 Uhr