Stand: 05.04.2019 16:53 Uhr

Modi oder Gandhi? - Vor der Wahl in Indien

von Bernd Musch-Borowska, Korrespondent im ARD-Studio Neu Delhi

900 Millionen Wahlberechtigte in Indien wählen ab dem 11. April ein neues Parlament. 930.000 Wahllokale wird es geben, viele davon in entlegenen Gebieten; über mehrere Wochen wird sich die Wahl hinziehen. In den Umfragen liegt Premierminister Narendra Modi von der hindu-nationalistischen Partei BJP vorne. Sein Herausforderer Rahul Gandhi, der Spitzenkandidat der traditionsreichen Kongress-Partei, versucht mit sozialpolitischen Versprechen ärmere Wählerschichten zu gewinnen.

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Die Anhänger Modis rechnen fest mit einem Sieg bei den Parlamentswahlen.

Während der Starttermin für die Parlamentswahlen in Indien immer näher rückt, mobilisieren die politischen Parteien und die Kandidaten mit Hochdruck ihre Anhänger. "Modi, Modi", ruft die Menge bei den zahlreichen Wahlkampfveranstaltungen des Premierministers. Der Amtsinhaber strebt nach fünf Jahren seine Wiederwahl an und präsentiert sich als starker Führer, als Saubermann und Chowkidar - das heißt so viel wie Wächter und Verteidiger eines starken, erfolgreichen Indien. So setzt er sich von der politischen Konkurrenz ab: "Auf der einen Seite haben wir die Werte eines neuen Indien. Auf der anderen Seite die Herrschaft einer Dynastie, die auf Korruption gegründet ist. Auf der einen Seite steht Euer starker Wächter, auf der anderen Seite nur dubiose Gestalten."Die Anhänger Modis tragen Papiermasken mit seinem Konterfei, so wie der Teeverkäufer Mohit Aggarwal. Er rechnet fest mit einem Sieg der hindu-nationalistischen Partei BJP und der Wiederwahl Narendra Modis: "Wir werden bei diesen Wahlen einen großen Sieg einfahren und unseren Chowkidar, den Wächter Indiens, erneut an die Macht bringen. Das wird eine gewaltige Ohrfeige für die Verräter in diesem Land."

Problem Arbeitslosigkeit

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Rahul Gandhi, der Spitzenkandidat der traditionsreichen Kongress-Partei, ist der Herausforderer Modis.

Bei den Parlamentswahlen 2014 hatte Modi mit seinem Regierungsbündnis gewonnen und so die langjährige Herrschaft der sozialliberalen Kongress-Partei beendet. Nicht zuletzt mit dem Versprechen, die allgegenwärtige Korruption im Land zu beseitigen. Und die Arbeitslosigkeit, insbesondere unter der Jugend.

Nicht nur in diesem Punkt habe die Regierung Modi versagt, behauptet Herausforderer Rahul Gandhi, der Spitzenkandidat der traditionsreichen Kongress-Partei, die seit der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 lange Zeit die dominierende politische Kraft des Landes war. In ganz Indien, in jedem einzelnen Bundesstaat, suchen junge Leute nach Arbeit, sagt Gandhi: "Wo immer man hingeht und fragt, wovon sie leben, was für eine Arbeit sie haben, hört man, ich mache nichts, ich habe keine Arbeit."

Rahul Gandhi repräsentiert die Gandhi-Familie, die die Kongress-Partei dominiert. Der 48-Jährige ist ein Enkel von Indira Gandhi und Ur-Enkel des ersten Premierministers von Indien, Jawaharlal Neru.

Premierminister Modi hält eien Wahlkampfrede © ARD Foto: Bernd Musch-Borowska

Narendra Modi will Indien weiter regieren

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Rahul Ghandi verspricht soziale Gerechtigkeit

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Soziale Gerechtigkeit ist ein großes Wahlkampfthema in Indien.

Mit dem Versprechen eines Grundeinkommens für die ärmsten der Armen in Indien versuchte Gandhi die Stimmung für die Kongress-Partei herumzureißen. Im Fall seines Wahlsiegs würden rund 50 Millionen arme Familien in Indien ein Grundeinkommen von umgerechnet knapp 900 Euro pro Jahr erhalten, versprach der Herausforderer von Premierminister Modi. Er wolle dem Land Gerechtigkeit bringen, sagte Gandhi: "Die Kongress-Partei garantiert den 20 Prozent der Ärmsten der Armen 72.000 Rupien pro Jahr, das ist ein massiver Betrag."

Soziale Gerechtigkeit war schon früher das zentrale politische Programm der Kongress-Partei, doch auch in deren Regierungszeit konnten die weitverbreitete Armut und die gewaltigen sozialen Unterschiede nicht beseitigt werden.

Unterschiedliche Erwartungen an die Regierung

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Wahlen in Indien sind bei 900 Millionen Wahlberechtigten eine logistische Meisterleistung.

Jede gesellschaftliche Gruppe in Indien empfindet die soziale Ungerechtigkeit anders. Deshalb sind die Erwartungen an die künftige Regierung auch so unterschiedlich, wie die Lebensbedingungen selbst.

Naresh Kumar, ein 48 Jahre alter Bauer aus dem Bundesstaat Haryana, fordert mehr Hilfen für die Landwirtschaft: "Die Regierung muss nach den Wahlen endlich mal was für die Bauern tun. Wir müssen vernünftige Preise für unsere Produkte bekommen. Die Zwischenhändler dürfen nicht den größten Teil absahnen. Die Regierung muss dafür sorgen, dass wir unsere Produkte direkt verkaufen können."

Der Finanzexperte Sanjay Bawija hingegen verlangt mehr politische Stabilität und eine bessere Infrastruktur, damit die Wirtschaft wieder zu früheren Wachstumsraten zurückkehrt: "Der Fokus liegt eindeutig auf dem Wirtschaftswachstum. Wer auch immer die Wahlen gewinnt, der muss dafür sorgen, dass es mehr politische Stabilität gibt und nicht ständig neue Vorschriften. Außerdem geht es um die Digitalisierung und natürlich die Infrastruktur, damit die Wirtschaft wieder in Schwung kommt."

900 Millionen Wahlberechtigte

Indien wird oft als die größte Demokratie der Welt beschrieben. Möglicherweise deshalb, weil Wahlen in Indien ein Mammutunternehmen sind. 900 Millionen Wahlberechtigte, 930.000 Wahllokale. Die Zahl der Kandidaten steht noch gar nicht fest, weil sich die Parlamentswahl in mehreren Phasen über rund fünf Wochen erstreckt. Die Zahl der Wahlberechtigten habe in diesem Jahr noch mal deutlich zugenommen, sagte der Vorsitzende der Wahlkommission, Sunil Arora: "Insgesamt liegt die Zahl der Wahlberechtigten bei etwa 900 Millionen, gegenüber 814 Millionen im Jahr 2014. Das sind über 84 Millionen Wahlberechtigte mehr als vor fünf Jahren."

Gewählt wird in sieben Phasen vom 11. April bis zum 19. Mai. Ausgezählt wird am 23. Mai. Wann das Ergebnis der Parlamentswahl in Indien feststeht, ist aber noch unklar.

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NDR Info | Echo der Welt | 07.04.2019 | 13:30 Uhr