Stand: 13.09.2018 16:51 Uhr

Libanon: Panzer zu Korallenriffen

von Udo Schmidt, Korrespondent im ARD-Studio Kairo

Der Libanon ist bekannt als Schauplatz eines Bürgerkriegs, der bis 1990 fast 100.000 Todesopfer forderte. Wenig überraschend, dass die Anzahl der Panzer in dem kleinen, multireligiösen Staat am Mittelmeer außergewöhnlich groß ist. Die Zahl der Panzerwracks, um genauer zu sein. Wohin mit den Schrottbergen, den tonnenschweren Hinterlassenschaften jahrzehntelanger Stellungskriege? Ein Tauchlehrer hatte eine auf den ersten Blick abstruse, beim zweiten Hinsehen aber durchaus überzeugende Idee: ins Meer mit den Ungetümen!

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Tauchlehrer Mohammad Al Sariji hat seinen Traum verwirklicht: Er versenkte Panzer im Meer.

Mohammad Al Sariji ist ein ausgesprochen fröhlicher Mensch. Er lacht viel. Seine wilde, graue Mähne lässt ihn ein wenig wie den libanesischen Einstein aussehen. Aber Al Sariji sitzt in seinem kleinen Büro im schiitischen Viertel der Hafenstadt Saida, etwa 40 Kilometer von Beirut entfernt. Draußen auf dem Platz vor dem Haus wehen Fahnen der Hisbollah.

Al Sariji ist Tauchlehrer und Präsident des Verbandes der libanesischen Profi-Taucher. Gerade ist er mit drei jungen Tauchschülern vom Meer zurückgekommen. Al Sarijis Schüler Nidar ist begeistert; eine großartige Erfahrung sei das gewesen.

Begeistert ist er auch, weil es unter Wasser zwar nur wenige Fische, dafür aber altes Kriegsgerät zu sehen gab. Zehn alte Panzer der libanesischen Armee hat die Umweltschutzgruppe "Freunde der Küste von Saida" mit Al Sarijis Hilfe im Meer versenkt - als Attraktion für Taucher und Fische. "Es war meine Idee, mein Traum", sagt Al Sariji stolz: "Wir haben es 20 Jahre versucht. Jetzt waren wir erfolgreich, weil so viele mitgeholfen haben."

Algen und Korallen auf Geschützrohren

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Panzer im Meer? Das soll auch Vorteile für die Natur haben.

"Panzer zu Korallenriffen" - diese libanesische Variante des "Schwerter zu Pflugscharen"-Mottos soll auch für den Frieden werben. Der Jahrzehnte unter Bürgerkriegen und Stellvertreter-Auseinandersetzungen leidende Libanon weiß, wie wichtig Frieden ist. Aber es geht Al Sariji und seinen Mitstreitern auch um die Natur, wenn man das so sagen darf.

Die Panzer sollen die Biodiversität im reichlich verschmutzten Mittelmeer vor der Küste des Libanon erhöhen. Fächerkorallen auf Geschützrohren, so etwa kann man sich das vorstellen: "Ganz schnell ist der Stahl der Panzer mit Algen, Korallen und Schwämmen bedeckt. Ich habe Videos, auf denen schon nach wenigen Tagen zu sehen ist, dass ganze Fischschwärme um die Panzer herumschwimmen", erzählt Al Sariji.

Jetzt will er mit den Panzern für seine Tauchbasis werben. Begeisterte Wracktaucher sollen angelockt werden, die Kriegsgerät unter Wasser offenbar sehr schätzen. Und um noch eins draufzusetzen, plant der umtriebige Libanese bereits weitere Attraktionen. Der Oberkommandierende der libanesischen Armee ist offenbar von dem Projekt begeistert und will nun noch mehr beisteuern: "Er hat uns einen Hubschrauber angeboten. Ich bin schon sehr aufgeregt, den auch bald ins Wasser zu den Panzern zu bringen."

Fischer fürchten jede neue Konkurrenz

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Die Panzer werden zum Beispiel von Fächerkorallen besiedelt und können auch Fischen Schutz bieten.

Fische, die an Korallen knabbern, die wiederum auf Panzern, Selbstfahrlafetten und Granatwerfern siedeln. Abou Rabbia, der Sprecher der Fischer Saidas, kann dem etwas abgewinnen: "Es wird den Fischen Schutz bieten, die Fische werden die Panzer nutzen. Und wir werden mehr fangen können, sofern nicht die vielen Taucher, die jetzt kommen, die Fische schon herausholen."

Die Zeiten sind schlecht. Von den 150 Fischern der kleinen Hafenstadt fährt weniger als die Hälfte noch regelmäßig raus. Der Grund: Den Wettbewerb um den besten Fang gewinnen die großen Hochsee-Flotten draußen auf dem Meer, die kleinen Kutterfischer haben das Nachsehen. Also fürchten die Fischer jede neue Konkurrenz - auch die der Taucher.

Rohre der Schrottpanzer sind Richtung Israel ausgerichtet

Panzer, die besiedelt werden und sich zum Korallenriff wandeln, Taucher, die den Grusel des martialischen Kriegsgerätes in 20 Metern Meerestiefe suchen - am Ende auch ein Bekenntnis zum friedvollen Zusammenleben, so lässt sich die Idee der Umweltschützer und Taucher Saidas zusammenfassen.

Aber wir sind im Libanon, die israelische Grenze ist nicht weit, auch die Palästinenser sind es nicht, von denen die Libanesen gerne behaupten, sie seien wie Brüder. Daher sprechen die Unterwasserpanzer auch noch eine andere Sprache, erklärt Tauchlehrer Al Sariji und lächelt ein wenig: "Wir sind natürlich solidarisch mit den Palästinensern, die von den Israelis unterdrückt werden. Es ist so gesehen auch eine symbolische Aktion, die zeigen soll, dass wir bereit sind, Aggressionen gegen unser Land abzuwehren." Die Rohre der Schrottpanzer sind Richtung Israel ausgerichtet. Ganz friedlich ist es im Nahen Osten auch unter Wasser nicht.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Echo der Welt | 16.09.2018 | 13:30 Uhr